Jungwein im Herbst

Eindrücke einer turbulenten Verkostung

Foto: Christine KainzbauerEin Sturm fegte durch Wiens Straßen, entlaubte die in ihrem Herbstschmuck gekleideten Bäume im Stadtpark und entlang des Rings. Regen peitschte gegen die Häuserfassaden. Doch von dem tristen Wetter ließ sich niemand abhalten, um dem Ruf von ÖWM* und Marktgemeinschaft Steirischer Wein zu folgen. Standen doch die Premiere des Steirischen Junkers® und die Vorstellung des Jungen Österreichers 2007 an.
Bereits Tage davor waren Wiens Weininteressierte in großflächigen Inseraten, mehrmals geschaltet in so ziemlich allen österreichischen Qualitätstageszeitungen, auf das illustre Ereignis eingestimmt worden. Am 7. 11. 2007, 18.00, hatten Ungeduld und Warten ein Ende. Pünktlich öffneten sich die Pforten des MAK. Dennoch konnte der Andrang der Weinafficionados und -afficionadas nicht sofort in geregelte Verkostungsbahnen gelenkt werden. Geduld an Garderobe und Kassa war angesagt. Das Personal, ein wenig überfordert, nahm den Ansturm ebenso gelassen, wie sich die Neugierigen einer therapeutischen Übung gegen Klaustrophobie beugten. Sie sollte nicht die einzige bleiben an diesem Abend.
Doch wer diese Hürden überwunden, endlich ein Kostglas geangelt hatte, durfte sich ins Degustationsgeschehen stürzen – Erdgeschoss: Wien und die Weinbaugebiete des Burgenlands und Niederösterreichs, 1. Stock: die Steiermark mit der Junker-Premiere.
Während sich, wohl aus guten Marketinggründen, die steirischen Winzer schon vor 20 Jahren für einen einheitlichen Namen ihres Jungweins, Junker eben, und auch die burgenländischen Weinbauern ebenfalls für einen gemeinsamen Namen (Primus Pannonikus) entschieden haben, herrscht bei den Winzern von Retz bis Tattendorf noch die Vielfalt vor. Ob deshalb die ÖWM den Begriff Junger Österreicher geprägt hat, den nebenbei nur wenige Winzer verwenden, um zumindest einen Marktauftritt zu organisieren, sei dahin gestellt. Mitunter verwirrte es, sich an einem Abend vom Jungen Wiener über den Jungen Kremser, Hollabrunner, Retzer, Wachauer etc. und den Rotzbub, Primus, Schmetterling, Fritzi, Filius, Jung & Frech zum Junior, weiter vom Youngster, Inflagranti über schlicht Der Neue zum apodiktischen Juventus zu verkosten. Den Namen entsprechend, die wohl, von einem Schuss Ironie begleitet, jugendlichen Ungestüm vermitteln sollen, nahmen verkostendes Publikum und ausstellende Winzer – zumindest an diesem Abend – die Degustation nicht sehr ernst (sonst wären wohl kaum nach zwei Stunden im Foyer Rauchschwaden zu konstatieren gewesen).
Lag die gelöste Atmosphäre daran, dass Junger Österreicher (= Wein) bevorzugt von jungem Österreicher (= Mann), aber noch mehr von junger Österreicherin (= Frau) gekostet und getrunken wurde und damit eine unkompliziert jugendliche Zugangsweise Platz griff, die gut mit dem Charakter der Mehrheit der präsentierten Wein übereinstimmte? Oder daran, dass sich Frau und Herr Österreicher ungeniert – endlich ohne mit herablassenden Blicken und erhobenem Zeigefinger getadelt zu werden – als „Jungwein-Junkies“ gerieren durften?
Der Beantwortung konnte man sich durch Flucht in den ersten Stock – zum Steirischen Junker® – entziehen. Dort ging es nicht nur ernster, nein, auch professioneller und routinierter zu. Bei den Steirern zeigte sich der Vorteil des langjährigen Vermarktens eines Jungweins auf einheitlicher Schiene, erhielt man Antwort auf die Frage, weshalb seit Jahren die Martinigansln nicht mehr in einem See von Beaujolais Nouveau ertränkt werden, sondern – wenn schon mit Jungwein – bevorzugt mit Junker umspült werden. (Ich halte es persönlich mit reiferen Rotweinen zu diesem exzellenten Herbstgericht und behalte mir einen guten Obstbrand als Linderung für den überfüllten Magen vor.) Zumindest bestand im 1. Stock des MAK die zweite Gelegenheit für eine therapeutische Übung gegen Platzangst an diesem Abend, der ich mich – zugestandenermaßen nach einem Kostdurchgang – entzog, um den vom vielen Jungwein benebelten Kopf im nächtlichen Sturm aufzuklaren und folgende Schlußfolgerungen zu ziehen:
Dass die Weine vielfach noch von Hefetönen – zu frühe Flaschenfüllung? – begleitet wurden, mitunter unreif wirkten, bemängelten die wenigsten. Dass sich die erdrückende Mehrheit renommierter Winzer aus den Weinbaugebieten Niederösterreichs und aus dem Burgenland dem Füllen von Jungwein noch im Jahr der Ernte bewußt entziehen, erregte keine Aufmerksamkeit. Daß der Herbst und der Winter eigentlich jene Jahreszeiten sind, die den Genuss kraftvoller, gereifter, strukturstarker, komplexer Weine geradezu fordern, während unkomplizierte, schlan- ke, fruchtig-frische, mitunter rassige Weine des Jahrgangs 2007 – also genau das, was die besten Vertreter des Jungen Österreichers und des Steirischen Junkers® in Nase und Gaumen versprechen und halten – an einem lauen Sommerabend auf dem Balkon genossen werden möchten, kümmerte die Gäste bei der Präsentation im MAK wenig. Dass im kommenden Herbst die Jungwein-Liebhaber der Einladung zur Premiere von Junker und Jungem Österreicher folgen werden, wird nur durch eine katastrophale Weinernte zu verhindern sein. Und davor schütze uns der heilige Urban denn doch…
Manuela Maria Weixelbam

* Österreichische Weinmarketingservicegem.b.H.

Manuela Maria Weixelbam

 

 

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