Weltklasse-Weine brauchen Zeit zum Reifen

ÖWM, Komitee KamptalViele Weinliebhaber wissen bereits, wie die „Jungen Österreicher“ des 2006er Jahrgangs schmecken. Alle warten jedoch schon gespannt auf die Weine, die noch in den Kellern der österreichischen Winzer heranreifen. Werden sich die in den Medien geschürten hohen Erwartungen an den letztjährigen Jahrgang erfüllen? In wenigen Wochen werden wir mehr wissen, wenn die ersten Degustationen stattfinden, die Fachpresse die ersten Verkostungsnotizen präsentiert und Herr und Frau Österreicher die Pilgerfahrt von einer Kellergasse zur nächsten, von einem repräsentablen Verkostungsraum zum anderen antreten und sich in den Vinotheken und im Fachhandel nicht mehr nur charmante „Junge Österreicher“ in den Regalen finden. Dann wird von der Komplexität, der eingebundenen Säure, den mächtigen Körpern  voluminöser und tiefgründiger Weine gesprochen werden, die ein enormes Reifepotential aufweisen. Im kommenden Jahr, wenn Österreichs Winzer wiederum überzeugende Arbeit in Weingarten und Keller geleistet haben, wird sich das Phänomen wiederholen. Nur noch wenige werden dann an den 2006er oder einen älteren Jahrgang denken.

Dabei haben dann die tatsächlich großen Weißweine erst ein erstes Stadium ihrer Reife erlebt. Vielfach wirken sie noch disharmonisch, stehen Säure, Alkohol, Struktur und Frucht nebeneinander, statt einander zu ergänzen, lassen sich Harmonie und Eleganz erst erahnen. Und trotzdem: Viele große österreichische Weißweine werden den Zeitpunkt, wo sie dem Weinliebhaber höchsten Genuss zu bereiten imstande wären, nicht erleben. Woran liegt das Phänomen, dass in Österreich mit seiner nach den für die heimische Weinwirtschaft heilsamen Ereignissen Mitte der 1980er und weltweit Beachtung findenden Entwicklung im Qualitätsweinsegment die komplexeren Weißweine viel zu früh getrunken werden? Dass nicht einfache, unkomplizierte Weine mit frischer Frucht, geringem Alkohol und schlankem Körper, die im Sommer in geselliger Runde mit großem Genuss getrunken werden wollen, gemeint sind, ist klar. Vielmehr ist von den großen, komplexen, strukturtiefen Kabinett- und Prädikatsweinen aus der Wachau, dem Krems- und Kamptal (Grüner Veltliner und Riesling als Protagonisten), aus der Thermenregion (Zierfandler, Rotgipfler), oder von den Steillagen der Südsteiermark (Sauvignon blanc, mit Abstrichen Morillon) die Rede.

Durch den Umstand, dass das österreichische Weinwunder noch relativ jung ist, existiert in Österreich eine Tradition, komplexe Weißweine über Jahre reifen zu lassen und auf ihrem Höhepunkt zu genießen, in viel geringerem Ausmaß als etwa in Frankreich oder Italien. Unkenntnis und ebendiese mangelnde Tradition, dem Weißwein Zeit zu Entwicklung und Reife zu lassen, in Verbindung mit dem vormals verbreiteten Marketingkonzept der heimischen Weinwirtschaft, österreichischer Weißwein müsse jung getrunken werden, nährten das auch heute noch vielerorts anzutreffende Vorurteil, das von unseren Winzern nicht nur des obersten Qualitätssegments Jahrgang für Jahrgang eindrucksvoll widerlegt worden ist, österreichischen Weißweinen mangle es an Reifepotential. Dazu gesellt sich die ökonomische Schnelllebigkeit des Marktes, der den Winzern die Weine aus den Händen reißt, um sie möglichst rasch an den Gast oder Kunden zu bringen, der als letzter in dieser Kette den Wein konsumiert, bevor es ein unbeschreiblich schöner Genuss wird. So passiert es noch immer viel zu häufig, dass Weißweine in ihrem Kleinkind-Stadium getrunken werden. Noch dazu stoßen viele Weinfreunde an die Grenzen ihrer Kellerkapazitäten – in den Städten rascher als in ländlichen Regionen, wo die Chance, im Eigenheim zumindest einen Kellerraum für die Lagerung der Weine einzurichten, höher ist als in einer Kellerbox neben der Schiausrüs-tung oder den Balkonmöbeln noch Platz für die zu lagernden Flaschen zu finden. Aber selbst wenn ausreichende Lagerkapazitäten vorhanden sind, dauert es, um aus eigener Erfahrung zu sprechen, einige Jahre, bis sich ein ausgewogenes Jahrgangsverhältnis einstellt. Ich stelle selbst immer wieder mit Entsetzen fest, dass ich aus den ersten Jahren meiner Weinliebe nur die eine oder andere Flasche herüberretten konnte.

Sind jedoch die „Kinderkrankheiten“ überwunden, steht einem reifen Genuss von entwickelten Weißweinen nichts mehr im Weg. Dann können Österreichs große trockene oder beinahe noch ganz trockene Weiße auf ihrem Entwicklungshöhepunkt dem Weingenießer endlich zeigen, was in ihnen steckt und wir meist nur erahnen, aber immer wieder gerne hören: zu den weltweit besten Weinen zu zählen. Wer die unvergleichliche Harmonie von gereiften Weißweinen aus Österreichs Weingärten kennen gelernt hat, wird nur noch aus Versehen oder aus Ignoranz einen Grünen Veltliner, Honivogl von Hirtzberger, einen Riesling, Schütt von Knoll oder eine Chardonnay Reserve von Aumann zu früh öffnen und trinken. Und zum Genuss solcher Weine bietet sich die kalte Jahreszeit geradezu an.               

M.M.W.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Tipps im Umgang mit gereiften Weißweinen

Zeit ist der wichtigste Faktor, sowohl für die Lagerung wie für die Vorbereitung als auch für den Genuss selbst.

Wenn kein Dekanter zur Verfügung steht, empfiehlt es sich, die Flasche schon am Vorabend aufzustellen, damit eventuell vorhandenes Depot absinken kann.

Ist der Wein gut gekühlt, öffnen Sie die Flasche, auch bei älteren Weinen, einige Zeit (2-10 Std.) vor dem Genuss. Dekantie-ren empfehle ich, ist aber nicht immer notwendig. Jedenfalls braucht der Wein Luft. Je älter der Wein, desto sensibler reagiert er jedoch auf zuviel an Sauerstoff.

Weingläser für jungen Weißwein lassen Sie bitte im Schrank. Ich habe mit Freunden bereits Wachauer Smaragde aus den großen Bordeaux-Gläsern getrunken, der Wein wirkte darin nicht verloren. Faustregel: Gibt’s keine. Ich tendiere zu einem großen Glas, damit der Wein eine ausreichende Oberfläche einnimmt. Degustieren Sie ein und denselben Wein aus verschiedenen Gläsern und Sie merken den Unterschied.

Lassen Sie dem Wein noch genügend Zeit, um sich im Glas entfalten zu können. Ist er zu kühl, warten Sie ein paar Minuten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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