Wein

Österreich im Finale der EURO 2008
... zumindest wenn es um Wein geht

Wann bietet sich eine schönere Gelegenheit, über den vinophilen Glasrand Österreichs zu blicken, um sich der Welt des Weins außerhalb des heimischen Weingartens zu nähern, als die EURO 2008, bei der Europas Fußballnationen in den Stadien Österreichs und der Schweiz – hoffentlich – aufgeigen werden? Natürlich trinken unzählige Österreicherinnen und Österreicher während ihres Urlaubs an den Stränden Italiens, Spaniens, Griechenlands oder auch der Türkei Weine, die aus diesen Ländern stammen, und italienischer Prosecco, griechischer Retsina, Rioja aus Spanien, Cabernet Sauvignon aus Frankreich, Portwein vom Douro findet sich in unterschiedlichen Qualitäten in allen Supermärkten vom Neusiedler- zum Bodensee. Dem heimischen Sommelier und seinen Nachahmern ist nichts fremd, und dennoch … Alles bekannt, alles degustiert, die Nase geschult, der Gaumen geschärft für Europas große Weine?
Um die Form der EURO-Teilnehmer zu überprüfen, vor allem aber um die Vielfalt der europäischen Weinwelt herauszustreichen und Ihre Neugier zu wecken, hat „Der Naschmarkt“ die Gelegenheit wahrgenommen und für Sie die EURO 2008 unter vinophilen Gesichtspunkten durchgespielt (sprich: verkostet).

Qualität als Hauptkriterium für Sieg oder Niederlage
Entscheidend für Weiterkommen oder Ausscheiden sind: die Qualität des jeweils nationalen Weinbaus, die Vielfalt und Authentizität der Weine aus ein und demselben Land, die Bedeutung des Weinbaus innerhalb des Landes in Verbindung mit seinem internationalen Ruf und schließlich die Subjektivität der eigenen Vorlieben.
Bei dieser Ausgangssituation treten in der Gruppe A Tschechien und die Türkei, in Gruppe B Polen und Kroatien, in Gruppe C die Niederlande und Rumänien sowie in Gruppe D Schweden und Russland nach der Vorrunde die Heimreise an, weil in diesen Staaten entweder kein Weinbau betrieben wird oder nur eine marginale Rolle spielt bzw. noch in den qualitativen Kinderschuhen – Entwicklungspotential inkludiert – steckt. Letzteres gilt insbesondere für Rumänien, wo in den vergangenen Jahren beachtliche Fortschritte erzielt wurden.

Favoritensiege in den Gruppenbegegnungen
Dass die Gruppe A Portugal für sich entscheidet, liegt nicht alleine am Vintage Port, dem hinsichtlich Konzentration, Süße, Alkohol- und Tanningehalt nicht so schnell ein anderer Wein das Wasser reichen kann, sondern auch an der Spritzigkeit des Vinho Verde, der delikat Meeresfrüchte auf dem Weg in den Magen begleitet, und an der Tiefgründigkeit und Komplexität der Rotweine aus dem Alentejo. Sie ziehen mit dem vielfältigen Geschmacksauftreten des Madeira ein Kombinationsspiel auf, das die ambitionierten schweizerischen Angriffsversuche, vorgetragen von reifen, auch nach Jahren der Flaschenreife noch von der Frucht geprägten Chasselas und überraschend aromatischen Pinot Noirs aus den Regionen Wallis und Graubünden – und sein Name sei nicht nur Gantenbein – durchkreuzt. Glatter Sieg für die Portugiesen, die im Viertelfinale auf Deutschland treffen, das in Gruppe B das Nachsehen gegen die an das unnachahmliche Scheiberlspiel des Wunderteams erinnernden österreichischen Weine hat, die mit ihrer Eleganz, Komplexität und Tiefgründigkeit – vor allem die Stürmer Grüner Veltliner und Ruster Ausbruch lassen die deutschen Verteidiger Silvaner und Drollinger schlecht aussehen – die deutsche Mannschaft austanzen.
In Gruppe C erreicht zwar Italien im direkten Duell gegen Frankreich ein ehrenvolles Remis, dank der ausgezeichneten Form des Südtiroler Weißburgunders, der mit seinem blumig-frischen Aroma, den feinen Honigtönen in der Nase sowie der feinen Säure und der cremigen Textur am Gaumen im Mittelfeld die Fäden zieht. Doch zum Gruppensieg reicht es nicht, woran einmal nicht die traditionell defensive Spielanlage schuld ist, sondern die Unform des Brunello di Montalcino, der in keinem der drei Gruppenspiele zu überzeugen vermag.
Damit treffen die Italiener im Viertelfinale auf ihren Angstgegner Spanien, das Gruppe D glatt für sich entschied, während auf die französische Equipe mit Griechenland der – vermeintlich – leichtere Gegner wartet.

Rioja als tragischer Held – entfesseltes Frankreich – Österreichs Heimvorteil
Im Viertelfinale, in dem einander die beiden Gastgeberländer begegnen, zieht die Schweiz eindeutig den kürzeren; als eine ebenso klare Sache entpuppt sich das Viertelfinale zwischen den Weinen von Garonne, Loire, Rhone und jenen der Peloponnes und ägäischen Inselwelt. Umso spannender verlaufen die anderen Viertelfinale, in denen sich sowohl die deutschen als auch die italienischen Weine erst im Elfmeterschießen gegen ihre portugiesischen und spanischen Kontrahenten durchsetzen. Besonders der exzellent aufspielende Rioja, elegant und finessenreich über den Gaumen spielend, davor die Nase mit rauchigen und würzigen Noten sowie mit Anklängen an Brombeeren und Maulbeeren umschmeichelnd, ist der tragische Held, scheitert er doch beim Elfmeter am italienischen Barolo, der sein unkonventionelles Aromen- und Geschmacksprofil, seine feste Tanninstruktur und vitale Säure in die Waagschale wirft.
Somit lauten die Halbfinalbegegnungen: Österreich-Deutschland und Italien-Frankreich. Österreichs Weine nützen den Heimvorteil und erreichen verdient das Finale; Frankreich spielt mit den klaren Aromen, der Frische und Rassigkeit des Chablis, der Hintergründigkeit des Sancerre, der samtigen Eleganz und Fruchtintensität des Chambolle-Musigny, dem kraftvollen, üppigen und feurigen Gaumenauftritt des Chateauneuf-du-Pape gegen Italiens Vertreter von Südtiroler Gewürztraminer über Valtellina und toskanischem Sangiovese bis zu sizilianischem Marsala entfesselt auf und fährt einen überlegenen Sieg ein. Das Finale? Österreich–Frankreich kennt für mich keinen Gewinner oder Verlierer.
Sie haben Lust, Ihre eigene Wein-EURO 2008 zu spielen? Dann lege ich Ihnen die beiden Bücher von Wolfgang Staudt ans Herz (siehe Buchtipps). Darin finden Sie neben den oben angeführten noch 80 weitere Weine. Alle in ihrem Geschmacksprofil präzise und nachvollziehbar beschrieben, mit ihren Besonderheiten vorgestellt, aber auch von welchen Winzern authentische und überdurchschnittliche Exemplare produziert werden und zu welchen Speisen sie passen. Dass Sie nach der Lektüre degustorische  Vorbereitungen für die in zwei Jahren in Südafrika stattfindende Weltmeisterschaft treffen können, bleibt nicht der einzige Lesegenuss. Und natürlich finden sich auch am Naschmarkt jede Menge Möglichkeiten, eine vinophile EURO 2008 auszutragen.


Manuela Maria Weixelbam

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