Was ich noch sagen wollte...

Interview mit Christine Reiler am 29. 6. 2011 / 13.00 Uhr / Freihausviertel/Schanigarten

Konsequent wie Christine Reiler ist, hat sie ihr Medizinstudium „durchgezogen“ und Ende Mai 2011 den Doktortitel erhalten. Jetzt müßte sie noch drei Jahre Turnusdienst absolvieren, um Ärztin zu sein. Wartezeit in Wien eineinhalb Jahre – mindestens. Aber sie will ohnehin noch keine Ärztin sein, denn sie findet ihr Leben „gerade so schön“. Sie hat Engagements als Schauspielerin, gute Werbeverträge und große Reisepläne. Das will sie jetzt genießen, denn sie ist ein Mensch der Gegenwart. Mit ihrer klaren, offenen Art und dem Herz am rechten Fleck scheint ihr auch alles mit Leichtigkeit zu gelingen.

Andererseits ist Frau Doktor aber auch sehr direkt im Umgang mit Menschen, sagt unverfroren ihre Meinung – was ihr nicht nur Sympathien einbringt – und ihre forsche Art überfährt zeitweise sensible Menschen. „Ich polarisiere und bin nicht Everybodys Darling…“ und „... mir fehlt das Liebliche, das man meiner äußeren Erscheinung zuordnen würde…", analysiert sie trocken. Die Leute erwarten, dass die Ex-Miss und in den Medien sehr präsente Blondine Christine Reiler sich hauptsächlich mit Mode und Make-up befasse. „Macht sie den Mund auf" verschwindet dieser Eindruck und gibt der gebildeten und patenten jungen Frau Raum. Von wegen Vorurteil BLOND! Lachend spöttelt sie, was bei Frauen das Blondinen-Image, sei bei Männern die Nase und zitiert kichernd den Kalauer: „Wie die Nase eines Mannes, so auch sein Johannes.“
Und wie auf's Stichwort – wir sitzen in einem Schanigarten im Freihausviertel – gockelt ein aufgeplusterter Täuberich laut gurrend um seine auserwählte Angebetete herum. So was nennt man Situationskomik!

Sie weiß sehr wohl um ihre Qualitäten! Soziales Engagement liegt ihr am Herzen und gerne erwähnt sie, dass sie zehn Jahre beim Roten Kreuz als Sanitäterin gearbeitet hat, in Tansania ein Spital unterstützt, die Werbetrommel dafür rührt  und am medizinischen Sektor mitarbeitet, soweit es ihre Zeit erlaubt. Nach dem Motto: Tue Gutes und rede darüber! „Mich interessieren fremde Kulturen und Menschen, als Medizinerin muß man offen sein“, meint sie.

Aber diese Selbstverständlichkeit mit Menschen und Situationen umzugehen, kommt nicht von ungefähr! Sie entstammt einem Elternhaus, in dem sie jegliche Unterstützung bekam. Sie durfte jeden Unsinn ausprobieren, ihre Eltern waren offen dafür. „Ich kann mir keine schönere Kindheit denken, ich wurde gefördert und bedingungslos geliebt.“, sagt sie mit einem sehr weichen Ausdruck im Gesicht. Sie ist überzeugt davon, dass das ihren Charakter geformt hat!
Als sie einmal eine Ratte nach Hause brachte, um ihre Mutter zu schockieren, ging das völlig daneben. Mama fand das Tier so herzig, dass sie sich später auch eine zulegte. Einen weiteren „Schock-Versuch“ unternahm sie mit lila gefärbten Haarsträhnen – schockierte aber auch niemanden. Das fand der Teenager Christine sehr enttäuschend!

Mit ihrem Vater – einem Orthopäden – verbindet sie die Lust an Abenteuern, Wandern und Reisen! Sie unternehmen bis heute gemeinsame Fernreisen. Nächstes Jahr geht es zum Trekking nach Alaska. Was sie mit ihrem Vater aber vor allem verbindet: die Liebe zur Medizin.
Und ihre Brüder lehrten sie kämpfen: um Anerkennung und Identität! Die eineiigen um 2 1/2 Jahre jüngeren Zwillinge waren eine kaum zu durchdringende Einheit! Da blieb sie meistens außen vor. Aber sie erkämpfte sich ihren Platz und die Brüder haben seither wirklich Respekt vor ihr.

Nach dem Gymnasium wollte sie Künstlerin werden. Sie hatte eine schöne Singstimme, die sie mit Privatunterricht ausbildete und bewarb sich am Konservatorium Wien-Privatuniversität im ersten Bezirk. Schauspiel und Musical interessierte sie. Aber bei der dritten Runde der Aufnahmsprüfung legte man ihr nahe, einen anderen Beruf zu ergreifen. Sie zitiert wörtlich – heute noch mit spürbarer Emotion – die Begründung für den Rauswurf: „… zu schön für eine Prostituierte (?), die könnte sie niemals spielen…" Das konnte sie nicht nachvollziehen und machte sie betroffen. Eine fachliche Kritik wäre hilfreicher gewesen. Aber langfristig gesehen, meint sie, sei sie froh darüber. Ob das unterbewusst ihre Misswahl-Teilnahme förderte?

Nach dieser Episode inskribierte sie an der Wirtschaftsuniversität, wechselte aber nach kurzer Zeit zum Medizinstudium (ihrem eigentlichen Wunschberuf) und bewarb sich zum Spaß bei der Misswahl 2007, die sie – wie bekannt – gewann. Das öffnete ihr viele Türen und brachte gute Kontakte, die sie zu nutzen verstand. Ich frage nach, wie sie damit umgehe, dass man sie immer noch auf den Titel anspricht und sie die ewige Ex-Miss sei. Klug gibt sie mir zu bedenken, dass das ja auch eine gewisse Werbung sei. Lustig findet sie „Ex-Miss-Ärztin“ als künftige Titulierung. Aber im Ernst, das hat sie immer weniger gestört, als auf ihren Ex-Freund (Rogan) reduziert zu werden. Wir halten uns nicht weiter beim Exfreund auf, darüber wurde genug geschrieben.

Mich interessiert, ob sie gerne liest. Sie bejaht und nennt mir einige Schriftsteller und Bücher. Darunter Erich Fromm, der sie immer sehr fasziniert hat, Martin Suters amüsanter Roman „Der Koch“ und Marlen Haushofer mit „Die Wand“, ein zum Teil verstörendes Buch, das von einer durchsichtigen Wand handelt, hinter der es nach einer atomaren Katastrophe kein Leben mehr gibt, nur Pflanzen, ein paar Tiere und eine Frau – die sich von der Außenwelt abkapselt – überleben. Die Wand „als Symbol für die Hindernisse bei zwischenmenschlichen Beziehungen. Ein seelischer Zustand, der nach außen hin plötzlich sichtbar wird.“ (Zitat Autorin). Ich bin nicht überrascht über die Wahl von „Die Wand".

Auf meine Bitte, zum Abschluss unseres Gesprächs ein Zitat oder einen Spruch zu nennen, der ihr besonders gefällt, verblüfft sie mich:

„Schönheit ist eine Frage der Geschwindigkeit des Blicks.“ (Autor unbekannt)

Kolumne
von Ingrid Raab

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