Medienecke

Wo, wenn nicht im Café …
Verlagspräsentation der Edition MoKKa und Buchpräsentation von Beppo Beyerls erstem Band der „Wiener Reportagen“

Unweit des Naschmarkts in der Gumpendorfer Straße gelegen, befindet sich seit 1880 eine Institution der Wiener Kaffeehauskultur – das Sperl. Stammlokal von Generationen die Stadt prägenden Architekten, Musikern, bildenden wie schreibenden Künstlern, ausgestattet mit der Patina der Vergangenheit bildet es gestern wie heute einen Mikrokosmos der Metropole Wien.

Was läge näher, als in dieser Aura des schwirrenden und dennoch dezent zurückhaltenden Kaffeehausbetriebs wenn nicht schon einen Verlag zu gründen, so doch zumindest einen solchen in die Welt der kritischen Öffentlichkeit zu entlassen. Noch dazu, wo sich im Namen des jungen Pflänzchens der österreichischen Verlagslandschaft ein Synonym Wiener Kaffeehauskultur findet.

Das dachte sich wohl auch Verlegerin Angelika Herburger und ihr Sohn Alexander, als in den Abendstunden des 5. November die Edition MoKKa in den Räumlichkeiten des Sperl dem interessierten Publikum vorgestellt wurde. In launigen Worten referierte die Verlegerin über ihre Beweggründe für die Gründung der Edition MoKKa – und mancher der Anwesenden fragte sich, woher unsere deutschen Mitbürger und Mitbürgerinnen plötzlich so viel Humor nehmen oder ob die Wahlheimat Wien bereits abgefärbt habe.

Dabei präsentierte Herburger fraglos sehr ambitionierte Ziele, die sie mit ihrem Verlag zu verfolgen gedenkt. Denn thematisch verbirgt sich im Verlagsnamen nicht nur die Anspielung auf Wiener Kaffeehaustradition und die thematische Komponente der Kulinarik, sondern auch der versteckte Hinweis auf die Geschichte unserer Stadt und unserer Region, da Mokka gleichzeitig auch die Zusammenziehung des Begriffspaars Modernes Kakanien bedeutet.

Mit der Übernahme des Begriffs Kakanien, vom großen österreichischen Schriftsteller Robert Musil für Österreich-Ungarn verwendet, schwingt ungeteiltes Interesse an unserer Geschichte mit. Und auch eine Portion an Komplexität – wie unser Leben eben geworden ist –, die sich, so Herburger, in den Büchern der Edition MoKKa finden wird, aber in gut lesbarer und verständlicher Form.

Nach der doch herausfordernden Einführung in das künftige Profil der Edition MoKKa bedurften die Gäste einer Stärkung, für die mit Frankfurter Würsteln und Mannerschnitten gesorgt wurde. Mit frischen Kräften versehen folgte das Publikum den profunden und zum Highlight des Abends überleitenden Ausführungen von Hermann Schlösser, Journalist der „Wiener Zeitung“ und Kenner des Werks von Beppo Beyerl, mit dessen Lesung aus dem druckfrischen ersten Band der „Wiener Reportagen“ der Höhepunkt des Abends im Sperl erreicht war.

Zwar gönnte Beyerl dem Auditorium weder den Text über die Frankfurter Würstel noch jenen über die Mannerschnitten, angesichts des Sättigungsgrads wurde ihm dies großzügig verziehen.

RiesenradDoch die beiden vom Autor vorgetragenen Reportagen über das Wiener Riesenrad und die öffentlichen Toilettenanlagen entschädigten beide auf ihre Weise. Schmunzelnd, die Augenbrauen erstaunt hochziehend hörte das Publikum von der multiethnischen Geschichte des Wahrzeichens unserer Wiener Stadt, folgte es dem Autor in die Regionen antiker Hygienegeschichte und begleitete Casanova nach London, um dann wieder das Alltagsleben Wiener Toilettenfrauen vor Augen geführt zu bekommen.

Beyerl ist ein einfühlsamer Erzähler und subtiler Beobachter, der aus der Schilderung eines alltäglichen Gegenstandes oder einer täglichen Verrichtung den Blick auf das Allgemeingültige richtet, ohne dass es gekünstelt wirkt. Tiefsinnig, informativ, mit Hintergründigkeit und wienerischer Abgründigkeit, voller Sprachwitz und Ironie, die durchaus auch einmal das drastische und direkte Wort sucht und findet, so präsentieren sich Beyerls Reportagen, der „über Wien und den Rest der Welt“ schreibt.

Wer’s nicht glaubt, der kaufe und lese.

Resümee: Wenn die Edition MoKKa auch nur annähernd das hält, was uns der Abend und dessen Verlauf versprochen hat, dann können wir uns auf kenntnisreiche und unseren Genuss anregende Bücher freuen; Bücher über uns und unsere Stadt, über die verborgenen und sichtbaren Landschaften unseres Geistes und unseres Gaumens; Bücher, deren Horizont von Schlesien bis Südosteuropa reicht; Bücher, die unsere Neugier befriedigen und dennoch erneut anstacheln.

Manuela Maria Weixelbam

Beppo Beyerl

 

Beppo Beyerl
Wiener Reportagen, Band 1: Gestern & Heute
€ 10,50, broschiert, 136 Seiten
Edition MoKKa
www.edition-mokka.eu

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

REZENSIONEN

Ndam, Phebe
Kochen in Afrika

Ansari, Nana
Die georgische Tafel

Eckhart, Walter/Robert Sommer.
Uhudler Legende.
Vom Wein der Gesetzlosen zur regionalen Köstlichkeit

Gerd Wolfgang Sievers
The Radisson SAS Hotel & Resorts – Culinary Collection
Vol. 1 Austria and South Eastern Europe

Beppo Beyer
Wiener Reportagen
Band 1, Einst & heute

Reingard Witzmann (Hg.)
Schöne Ansichten

Edith Geyer
Lebensmittel gesund einkaufen

Gesund einkaufen und essen

Beppo Beyerl
Ausg'steckt is'

Conrad Seidls
Bierguide 2007

Rafaela Damböck
Schokolade - Rezepte zum Dahinschmelzen

Annegerd Hiete
Der Wiener Naschmarkt

Nathalie Pernstich
Schummelküche

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

\n