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Ausg’steckt is’
Im Heurigen kann der Heurige getrunken werden, wobei der heurige Wein in der Regel der vorjährige ist, aber wie soll man einem Nichtwiener erklären, dass er zum Vorjährigen pilgern soll?
Beppo Beyerl beabsichtigte nicht, die Weine zu testen, zu beurteilen und Ranking-Listen zu erstellen. Er will die Institution des Wiener Heurigen verständlich machen.
Da für den Autor Wein und Kultur keine Gegensätze sind, findet der Leser auch Tipps für Wanderungen zu Kulturdenkmälern und Weingärten rund um die Buschenschanken.
Auszug aus der „Typologie des Trinkers“:
1. Der zielorientierte Trinker
Seine Maxime: Die Wirkung ist alles, der Weg ist nichts. Hat den Nachteil, dass das Ziel des zielorientierten Trinkers stark von der Qualität des Weines abhängt. Hat er indes zu seiner Zufriedenheit sein Ziel erreicht, dann ist nichts und niemand vor ihm sicher. Wenn der Rosenverkäufer auftaucht, schickt er urplötzlich eine Dahlie der Amalie ins Haus; er lädt die Leute am Nachbartisch zu einer Flasche ein, weil sein Dackel ausgerechnet heute Geburtstag hat; er gesteht der vis-à-vis sitzenden Frau des Steuerberaters seine soeben entflammte Liebe. Goutiert der zielorientierte Trinker den Wein nicht, verfehlt er sozusagen sein Ziel, passiert das genaue Gegenteil. Er beschimpft den Rosenverkäufer, weil dessen Turban wie eine Tulpe aussieht; er beschwert sich beim Wirt über die Gäste am Nachbartisch, weil deren Pudel den von ihm angebotenen Brünnerstraßler* verweigert; und erklärt grundlos seiner Frau, dass er schon seit Jahren mit der Frau des Steuerberaters...
2. Der stille Zecher
Vorerst wähnt man sich in seiner Nähe absolut sicher, denn schon Hermann Leopoldi** singt: „I bin a stiller Zecher, drum mach i so an Lärm!“ Schließlich ist der Heurige kein Dorfwirtshaus in Nordostfinnland, das heißt: Selbst der stillste Zecher wird irgendeinmal redselig. Dann ist es angeraten, seinen Tisch großräumig zu meiden. Sonst muss man sich anhören, dass erstens der Alte deppert ist, zweitens die Alte deppert ist, drittens sowieso alle deppert sind. Für Nicht-Wiener: Als „Der Alte“ wird beim Würstelstand und beim Heurigen der Chef bezeichnet, „die Alte“ hingegen ist die jeweilige Lebensabschnittpartnerin, und deppert sind sowieso alle. ...
10. Der hundeäußerlführende Trinker
So mancher benötigt eine vierpfotige Exkrementenerzeugungsapparatur vulgo Hund, um eine Runde in der Heurigengegend zu absolvieren. Er kippt bei jedem Heurigen an der Schank ein Glaserl ex, um stante pede mit seinem draußen wartenden Hund weiterzuwandern. So wird er in der Regel zwei oder drei Runden absolvieren. Eine Anekdote aus den langjährigen Beobachtungen des Autors. Als er dereinst bei einem Heurigen saß, kam einer mit zwei Hunden herein, schüttete den Inhalt eines Glases an der Schank hinunter und suchte das Weite. Eine halbe Stunde später tauchte er wieder auf und schüttete den Wein hinunter, hielt aber nur mehr einen Hund an der Leine. Nach weiteren vierzig Minuten betrat er noch einmal das Lokal, diesmal ohne Hund und ohne Leine. Was blieb, war einzig und allein sein unstillbarer Durst.
* Brünnerstraßler: Wiener Bezeichnung eines säurebetonten Weißweines
** Hermann Leopoldi (geboren als Hermann Kohn): 1888–1959 in Wien, Komponist, Klavierhumorist und Schauspieler. Schrieb Texte zu Wienerliedern und Schlagern z.B. „Schnucki, ach Schnucki“, „I mach mir mein Prater daham“, „Die Überlandpartie“
Beppo Beyerl
Ausg’steckt is’
Molden Verlag, 195 Seiten, broschiert mit Farbabbildungen
€ 14,90
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