Literatur am Naschmarkt

Beppo Beyerl: Hüben und drübenHüben und Drüben. Geschichten von Grenzgängern
Beppo Beyerl

Am 20. 01. 2007 moderierte Gemeinderätin Anica Matzka-Dojder im EGA Frauenzentrum (6.; Windmühlgasse 26) eine beeindruckende Buchpräsentation. In Beppo Beyerls Buch „Hüben und Drüben“ kommen elf Personen zu Wort, denen eines gemeinsam ist: Sie überschreiten die Grenze, vom Ausland ins Inland, von Osten nach Westen, von hüben nach drüben. Oder umgekehrt.

„Die Heimat ist im Deutschen nicht mehrzahlfähig“, schreibt Beppo Beyerl. „Das ist schade, weil in diesem Buch Menschen vorkommen, die zwei, manchmal sogar drei Heimaten haben.“ Die Geschichte ihrer Ortswechsel, Vertreibungen und Fluchten werden nicht aus der Sicht von Grenzwächtern, Statistikern oder Volkskundlern erzählt, sondern aus der ganz persönlichen Perspektive der jeweiligen Grenzgänger. Vorgelesen und erzählt wurde u.a. an diesem Abend die „Geschichte“ des Urbanisten, Architekten und Belgrader Bürgermeisters (1982–1986) Prof. Bogdan Bogdanovic, der seit 1993 in Wien lebt.

Ich wollte nicht die Straße wechseln … Belgrad entstand aus der Vereinigung zweier Flüsse, der Donau, die im Serbischen ein Mann ist, und der weiblichen Save. Wenn man hinunterschaut vom Kalemegdan*, sieht man das Spiegelbild der Stadt im Wasser, erkennt man ihre innere Anatomie auf dem Schaum der Wellen. So entsteht der Eindruck, die Stadt sei im Wasser geboren und der Kalemegdan nur ein Spiegelbild der Wasserstadt. Früher trennten übrigens die beiden Flüsse unsere Stadt, eigentlich begrenzten sie die Stadt, denn drüben, auf der anderen Seite der Flüsse, dort stand Semlin, dort war Österreich, dort herrschte der Kaiser. Die Grenze verlief genau in der Mitte der Flüsse. Als ich ein Bub war, also schon im jugoslawischen Königreich, da fuhren meine Eltern und ich manchmal mit der Straßenbahn Nummer vier hinunter in den Hafen und dann mit dem Dampfer hinüber auf die andere Seite der Save, nach Semlin, damals gab es dort keine Brücke. Das war ein Tagesausflug, wir gingen drüben beim Messegelände spazieren und meine Eltern kauften mir zur Belohnung die bec´ki kolac´e. Freilich hießen die so, Wiener Golatschen. Übrigens, das mit der Geburt aus dem Wasser, das habe ich ein paar Mal den Leuten erzählt, als ich Bürgermeister dieser Stadt war, Belgrad sei aus dem Wasser geboren, aber sie haben das als Märchen aufgefasst. Keiner wollte die Stadt mit einer schaumgeborenen Venus vergleichen. … Warum wir schlussendlich nach Wien übersiedelten, nun, da gibt es eine poetische Antwort und eine pragmatische. Die poetische: Ich war zwar im Begriff, das Haus zu verlieren, aber ich wollte zumindest auf derselben Straße bleiben, und die Straße war die Donau. So wechselte ich mit der Geduldigkeit des Alters nur von einem Haus zum andern. Und die pragmatische Antwort: Als ich einmal in Wien am Bahnhof ankam und mich schnell umdrehte, schlug ich mit der Hand auf den Rücken eines Passanten. Sagte ich im ersten Schrecken auf Serbisch: Izvenite.** War die Antwort des zufälligen Passanten: To je za nic.*** Das ist die pragmatische Antwort. …

*          Die Belgrader Festung, der einstige urbane Kern von Belgrad.
**            Entschuldigung.
***      Das macht mir nichts.

Beppo Beyerl
Hüben und Drüben
Geschichten von Grenzgängern
Sonderzahl, 120 Seiten, € 15,–

Beppo Beyerl, geb. 1955 in Wien, lebt in Wien und in Vitis, schreibt Bücher für Erwachsene und für Kinder, verfasst Auslandsreportagen für Wiener Tageszeitungen.

 

 

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