Kunst – Literatur am Naschmarkt

Zukünftig können Sie in dieser Rubrik Ausschnitte aus Publikationen, die den Naschmarkt zum Thema haben, aber auch aktuelle, unveröffentlichte Texte genießen. Für Ihre Lesezeiten stehen Ihnen am Naschmarkt in ausreichender Anzahl Gastronomiebetriebe zur Verfügung.

Rudolf Weys SCHALE NUSSGOLD oder DIE KELLNERPRÜFUNG

(Die Prüflinge – Kellner in weißer Dress – sitzen in weitem Halbkreis rund um den Prüfer.)

Prüfer: Geschätztes Auditorium, hochverehrte Zuträger und Zuträgerinnen, einschließlich Pikkolo, Sitzkassierin und Gebäck! Delegiert vom Gewerbeförderungsinstitut, ist es meine Aufgabe, Ihnen in schwerer Zeit, bevor daß Sie in alle Winde hinausschnellen, Ihnen also ein letztesmal einzuschärfen, welche Kulturmission unser heimisches Echtwiener-Kaffeehaus in der Welt zu erfüllen hat, vermag und auch kann. Und fürwahr: gibt es ein prächtigeres Bild als unsere lieben Wiener und Wienerinnen hinter den wohnlichen Spiegelglasscheiben eines anheimelnden und natürlich erstklassig geführten Wiener Kaffeehauses? Blicken Sie auf unser „Victoria“, „Dom“ und „Schwarzenberg“, aufs „Sacher“, „Jungwirth“ und „Museum“, auf unser „Atlas-“, „Goethe-“, „Rudolfs-“ und „Heinrichshof“ – das gibt es kein zweitesmal, das darf es kein zweitesmal geben! (Wischt sich den Schweiß von der Stirne.) Bevor daß Sie also hinausschnellen, werde ich mir erlauben, Sie einer kleinen Prüfung zu unterziehen, ob Sie auch imstande sind, Ihren Stand voll und ganz auszufüllen. Karl Domeier, komm außer.

Karl (tritt vor): Der Herr gewunschen, bitte – ??

Prüfer: Der Tonfall war net schlecht, a bisserl rescher könnt er noch sein. Also, Sie, Karl, sagens mir: was ist ein „Kapuziner, mehr licht mit Schlag“?

Karl (sehr rasch): Ein „Kapuziner, mehr licht mit Schlag“ ist beinahe dasselbe wie eine „Schale Nußgold mit Haut“, nur eben natürlich mit „Schlag“ statt mit „Haut“ und um eine Idee mehr dunkel.

Prüfer: Sehr brav, setzen. (Blättert im Katalog.) Josef Hundsgruber?

Josef: Hier!

Prüfer: Was ist eine „Teeschale“?

Josef: Eine Schale Tee.

Prüfer: Ganz falsch, Karl, sagen Sie’s!

Karl (stotternd): Eine Tasse…, eine Schale… zum Teetrinken, ich bitte!

Prüfer: Eine Schand für einen werdenden Zuträger, so was nicht wissen! Eine Teeschale im Kaffeehaus ist nichts als eine Maßeinheit. Eine „Teeschale, mehr licht“ zum Beispiel, das is eine „Kaffeeschale Lauf“, also ein laufender, normaler Kaffee. Denn a wirklicher Tee is nie eine „Teeschale“, sondern immer eine „Portion“. Und die „Portionen“ zerfallen in – (deutet auf Franz), – na, sagens es!?

Franz: Die „Portionen Tee“ zerfallen in: „mit Rum“, „mit Milch“, „mit Zitrone“ und „mit ohne, ich bitte.

Prüfer: Brav. Kennens vielleicht auch die verschiedenen Arten „Melange“? Obwohl, das is eigentlich schon mehr Hochschulstoff und dürft Ihnen demnach zu schwer sein?

Franz: Man unterscheidet achterlei Arten „Melange“. Die häufigst vorkommende is die „mit Schlag“. Es gibt aber auch hier „mit ohne“, ferner „passiert“ oder „mit Haut“, dann „mit Haut und mit Schlag“, „mit Haut und ohne Schlag“, „ohne Haut und mit Schlag“, und schließlich „ohne Haut und ohne Schlag“.

Prüfer: Danke, ich seh schon, Sie verdienen Auszeichnung. […] Passens auf: „Ein Schwarzer“ is manchesmal ein „Türkischer“ und manchesmal ein „Mokka“ –

Josef (unterbrechend): Bitt schön, i waß schon: Der letztere, nämlich der „Türkische“, is teils „passiert“, dann is er „natur“ oder „gewöhnlich“, dann is er „gewöhnlich“. Auch da gibts wieder „Nuß- oder Teeschale“, man kann zur „passierten Nußschale“ ein „Schlag“ oder zum „Doppelmokka natur“ gar nix nehmen oder umgekehrt–

Prüfer (unterbrechend): Sehr richtig, das laßt sich permutieren. Was „ein Kapo, sehr hell“, eine „Melange, sehr heiß“, „ein Doppelmokka, gespritzt“, oder ein „Mazagran“ ist, geht demnach eindeutig aus dem Obengesagten hervor. So und jetzt hätt ma noch den Schurl. Komm außer, Pikkolo!

Schurl (mit Hangerl, devot): Der Herr gewunschen, bitte? Schon befohlen?

Prüfer: Um eine Idee zu servil sagens das. A Wiener derf nie vergessen lassen, daß er von Natur aus eigentlich resch is! Paß auf: wann ein Herr bestellt: „Einmal Sahne!“ Was denkst da sofort?

Schurl: Daß der Herr a Preuß is, Herr Professor. Eine „Sahne“ is nämlich in Wahrheit immer „ein Schlag“, äußerstenfalls ein „Obers“.

[…] Aus: Rudolf Weys; Literatur am Naschmarkt. Kulturgeschichte der Wiener Kleinkunst in Kostproben. Wien, Cudek 1947, S. 19–23

 

 

 

 

 

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Die Kellnerprüfung

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Rudolf Weys und F.W. Stein initiierten in den 1930er Jahren unter dem Titel „Literatur am Naschmarkt“ eine Mischform zwischen Theater und Brettl.

Diese Einakter, die zwischen 30 und 40 Minuten dauerten, enthielten auch Pausen zum Essen und Trinken.

Bis 1938 brachten sie 22 Programme unter Mitwirkung von Hans Weigel, Lothar Metzl, Jura Soyfer, Kurt Nachmann, Rudolf Spitz und Peter Hammerschlag heraus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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