Kulinarisches – Interview

Im Gespräch mit Sasha Walleczek

Eines ganz ehrlich vorweg: als mich Angelika Herburger, Herausgeberin der Naschmarktzeitung, anlässlich Sashas Buchpräsentation im Intercontinental fragte, ob ich denn ein Interview mit ihr machen wolle, war ich von der Idee grundsätzlich angetan. Weniger begeistert war ich dann, als es hieß, ich solle das Gespräch nicht als Interview bringen, sondern als Portrait.

Der Grund meiner Skepsis war, dass ich befürchtete, nicht wirklich objektiv schreiben zu können. Denn obwohl ich Sasha Walleczek als sehr sympathisch empfinde, so kann ich mit ihrer Sendung und den dort vermittelten Inhalten – genauer gesagt, den Rezepten – nicht wirklich viel anfangen; selbst wenn ich weiß, dass die Rezepte aus bestimmten Gründen möglichst einfach gestrickt sein müssen.

Obwohl Sasha immer wieder den Genuss propagiert, so schienen mir doch unsere Zugänge, was denn nun wirklich Genuss sei, aus zwei verschiedenen Welten zu kommen; aber auch weit voneinander entfernt liegende Parallelen sollen sich in der Unendlichkeit treffen, behaupten zumindest Mathematiker.

Kurzum, ich fürchtete um die journalistisch gebotene Objektivität und freute mich dennoch auf das Gespräch, denn allein über den Genuss zu diskutieren ist ja an sich bereits schon schön, dann aber auch noch mit zwei unterschiedlichen Denkansätzen – was will der gelernte Dialektiker mehr? Folglich wollte ich ganz bewusst kein klassisches Interview führen, sondern eher eine Diskussion, um Kernfragen zu erörtern.

Außerdem liegt es mir fern, über das Ernährungsprogramm von Sasha Walleczek zu urteilen. Als Genussmensch sollte man nämlich eine gewisse Toleranz mitbringen und da ich mich als solchen sehe, bin ich durchaus der Ansicht, dass Programme, die einer gewissen Gruppe von Menschen zu Genuss und besserem Leben verhelfen, durchaus ihre Berechtigung haben. Hier nun eine Zusammenfassung von meines Erachtens wesentlichen Gesprächspunkten:    

Für wen?
Was mich zunächst stutzig gemacht hat, ist die Tatsache, dass Sasha propagiert, ihr Ernährungsprogramm sei für alle gedacht. Also nicht nur für Menschen, die abnehmen wollen, sondern auch für untergewichtige Personen oder gar Zuckerkranke. Und daher bezogen sich meine ersten Fragen auf die Zielgruppe.

Sasha Walleczek argumentierte, dass ihr Ernährungsprogramm nicht als Diät zu verstehen sei, sondern als eine Anleitung zur besseren Ernährung – zu einem besseren Leben. Man solle nur einige wichtige Regeln beachten, und schon könne man essen, worauf man Lust hat.

Nach meinem Nachhaken, bei wem das Programm den am besten funktioniert hätte, erklärte Sasha: „Bei Menschen mit Leidensdruck! Promis oder andere erfolgreiche Menschen haben in der Regel kaum Probleme mit ihrer Figur, egal ob sie dicker oder dünner sind; denn sie haben Erfolg, Ansehen, meist Familie und viele soziale Kontakte – demnach so gut wie keinen Leidensdruck. Viele meiner Klienten aber, vor allem die stark Übergewichtigen, haben diesen Leidensdruck. Denn sie denken, dass ihre Probleme im Sozialbereich, die gewünschte und nicht vorhandene Partnerschaft oder Misserfolge im Beruf ganz einfach mit ihrem Übergewicht zusammenhängen. Dieses Frustrationspotential helfe ich ihnen mit meinem Programm abzubauen, und bei dieser Gruppe funktionierte es auch insgesamt am besten, weil sie konsequenter bei der Sache waren, mit der Hoffnung auf ein angenehmeres Leben.“

Zur Sendung
Ähnliche Abnehm-Shows und Ernährungsprogramme sind seit langem in englischen oder amerikanischen Fernseh-Formaten bekannt. Und auch die ATV-Sendung „Du bist, was du isst!“ entstand in Anlehnung an ein englisches Format. Zudem ist eine gewisse Dr. Gillian McKeith in England seit Jahren mit einem ganz ähnlichen Ernährungsprogramm überaus erfolgreich.

So fragte ich Sasha Walleczek, wie sie ihr Ernährungsprogramm entwickelte und wie es in Folge zur Sendung kam.
„Mein Ernährungsprogramm habe ich im Großen und Ganzen selbst zusammengestellt und entwickelt, natürlich unter Zuhilfenahme einschlägiger Fachliteratur und meinen Erfahrungen aus den vielen getätigten Beratungen. Angefangen habe ich mit einem kleinen Beratungsstudio. Irgendwann erfuhr ich, dass ATV in England die Rechte für „Du bist, was du isst!“ erworben hat und für dieses Format eine Ernährungsberaterin castet. Für dieses Casting hatte ich mich beworben, offensichtlich die Voraussetzungen erfüllt und so moderiere ich seitdem die Sendung.“ Auf die Nachfrage, warum sie den Menschen so streng und intolerant gegenübertritt, erfuhr ich, dass dies eine der vielen Vorgaben von ATV gewesen sei.     

Vom Einkaufen und Kochmuffeln
Natürlich musste auch Sasha Walleczeks neues Kochbuch zur Sprache kommen. Ein Thema übrigens, wo ich im Vorfeld die größten Differenzen gesehen hatte. Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass eine figurbewusste, sehr schlanke Ernährungsberaterin (immerhin mit Schwerpunkt „Gesundheit und Gewichtskontrolle“) und ein ins pyknische tendierender Koch (mit Schwerpunkt „Genuss ohne Einschränkungen“) die Dinge von zwei gänzlich unterschiedlichen Standpunkten aus betrachten. Doch in einem Punkt können sie sich einigen: sie propagieren beide grundsätzlich das Genießen!

Dennoch konnte ich es nicht unterlassen, die Frage zu stellen, warum denn die Rezepte gar so einfach gestaltet seien, ja nahezu Gefahr laufen, als unkreativ missverstanden zu werden.

Was Sasha mir daraufhin erzählte, war noch schockierender, als ich befürchtet hatte: „Geh’ einmal mit mir und Kandidaten auf den Naschmarkt! Die meisten Kandidaten kennen mehr als die Hälfte der heimischen Gemüsesorten nicht, mediterrane oder exotische folglich nahezu überhaupt nicht.

Da kommen z.B. Fragen, ob man den Kern einer Avocado essen könne, oder die Früchte vorher geschält werden müssten. Nahezu alle meiner Kandidaten haben zuvor weder bewusst eingekauft, noch gekocht, sondern sich ausschließlich von Fertignahrung, Convenience jeder Art oder maximal kalten Gerichten ernährt.

Viele wussten nicht einmal mit den einfachsten Rezepten aus meinem Buch etwas anzufangen, weil sie noch nie zuvor überhaupt irgendetwas gekocht haben. Ich hatte Kandidaten, die nicht in der Lage waren, eine Zwiebel zu schneiden, eine Knoblauchzehe zu schälen oder eine Zitrone auszupressen. Für diese Leute ist sogar mein einfaches Rezeptbuch noch eine beinahe unlösbare Aufgabe!“    

„Ist das wirklich so schlimm oder doch etwas übertrieben dargestellt?“, wollte ich wissen. Kurz und prägnant kam die Antwort: „In Wirklichkeit ist es noch viel, viel schlimmer!“

In diesem Moment verspürte ich so etwas wie Mitleid und dachte gleichzeitig bei mir: ‚Warum tun sich die Menschen so schwer damit, zu kochen, zu genießen und sich des Lebens zu erfreuen. Ist es nicht schön, für Menschen, die man gern hat, zu kochen und anschließend gemeinsam zu genießen?‘

Annäherung
Nach zwei wirklich angenehmen Stunden der Plauderei über unterschiedliche und gemeinsame Denkansätze in Sachen Lebensqualität, Ernährung und Genuss verabschiedete ich mich von meiner charmanten Gastgeberin und ging auf ein „Viertel“, wie man so schön sagt, um das Gespräch Revue passieren zu lassen.

Sasha Walleczek macht ihre Sache sehr professionell, geschickt und – trotz der geforderten Strenge – recht charmant. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass sie auch eine (von wem auch immer geforderte) Rolle spielen muss und daher nicht immer die eigene Meinung vertritt, sondern eine andere vertreten muss; aber ich kann mich auch täuschen.

Diplomatisch ist Sasha Walleczek in jedem Fall und zudem eine äußerst angenehme wie kluge Diskussionspartnerin. Und wer weiß, vielleicht treffen sich unsere – derzeit noch relativ weit voneinander entfernten – Parallelen dann tatsächlich irgendwann einmal in den unendlichen Weiten des wunderschönen Genuss-Universums...

Gerd Wolfgang Sievers

Gerd Wolfgang Sievers

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Beim internationalen Kochbuchwettbewerb „Gourmand World Cookbook Award 2007“ wurde das von Gerd Wolfgang Sievers verfasste Buch „Genußland Österreich“ aus über 6.000 Einreichungen aus 107 Ländern als eines der beiden weltbesten Kochbücher ausgezeichnet. Der Preis wurde im April 2008 von Edouard Cointreau in London anlässlich der internationalen Buchmesse verliehen.

Über 1.000 Rezepte aus allen regionalen Küchen Österreichs und mehr als 500 Produzenten, Weinbauern, Restaurants und Gasthäuser werden in diesem ausgezeichneten Kochbuch vorgestellt. 544 Seiten mit mehr als 1.300 Farbfotos vermitteln Wissenswertes über die österreichische Genusskultur

Selbstverständlich ist auch dem Wiener Naschmarkt ein eigenes Kapitel im Buch gewidmet.

 

Gerd Wolfgang Sievers
Genussland Österreich
Stocker Verlag, Hardcover, 544 Seiten € 39,90

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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