Kulinarisches

Slow- oder Fastfood?
Im September erscheint mein neues Kochbuch mit dem Titel „Schnelle Küche für Genießer!“, welches ursprünglich „Fast-Food für Genießer!“ hätte heißen sollen. Doch der Titel wurde mir seitens des Verlages geändert, weil man der Ansicht war, dass dem Wort Fast-Food zu viele Ressentiments entgegengebracht werden. Warum eigentlich?

Fast-Food bedeutet ja nicht gleich Junk-Food und kann daher von exzellenter Qualität und exquisitem Geschmack sein, vor allem wenn es aus ausgesuchten und hervorragenden Lebensmitteln zubereitet wurde. Ja, nicht selten habe ich erlebt, dass Fast-Food eine echte Delikatesse darstellte und daher hatte ich mich entschlossen, ein derartiges Buch zu verfassen.

Und soviel vorweg: ich habe Fast-Food zu jeder Zeit genossen! Saftige Steaks, herzhafte Burger, elegante Sandwiches, raffiniertes Fingerfood, variantenreiche Pasta oder die edlen Happen aus asiatischen Küchen machen einfach Spaß! Viele derartige Speisen werden auch auf dem Wiener Naschmarkt angeboten. Manchmal sehr gut zubereitet, oft gut, mitunter auch weniger ansprechend (leider). Aber kaum ein Besucher empfindet das Vorgesetzte als Fast-Food – meist nicht einmal den Döner-Kebab!

Da sitzen sie alle, genießen einträchtig Klassiker aus den unterschiedlichen Fast-Food-Küchen der Welt und sind dennoch der Meinung Slow-Life zu leben. Der Grund dafür ist einfach: die Speise steht meist nicht im Mittelpunkt, sondern wird nebenbei verzehrt (ich habe hier bewusst auf das Wort „genossen“ verzichtet). Die Gesellschaft und das Ambiente sind wichtiger. Grundsätzlich ist das auch im Sinne des Genusses, doch vermisse ich dabei die Wertschätzung für die Nahrung, denn wie das Wort schon aussagt, „nährt“ sie uns.

Da stellt sich nun folgende Frage: Ist ein Hamburger im Stehen genossen Fast-Food, wenn man sich ihm gänzlich widmet und ihn wirklich genießt, weil von Meisterhand zubereitet? Und ist ein Hummer im Sitzen achtlos heruntergeschlungen trotzdem Slow-Food, weil er einfach teuer ist und damit mehr wert (zumindest finanziell gesehen)? Wenn man hergeht und eine Umfrage machte, so würden die meisten Menschen ihr Kreuz für Fast-Food beim Hamburger machen und ihr Kreuz für Slow-Food beim Hummer.

Sie wahrscheinlich auch, geneigte Leser – oder?

Betrachtet man aber einmal den arbeitstechnischen Hintergrund, so wird der eine oder andere sicher erstaunt sein. Einen echten, wahren und wirklich schmackhaften Hamburger zuzubereiten, ist eine Kunst, derer sich ungeniert Starköche aus aller Welt angenommen haben. Ich rede hier nämlich nicht vom labbrigen Massen-Burger, sondern von dem, was auch in guten Diners in Amerika als Burger erhältlich ist. Nahezu unzähliger Handgriffe bedarf es, einen guten Burger zuzubereiten: Vom Brot aufbacken ange- fangen über Salat waschen, Zwiebel hacken, Tomaten schneiden, Ketchup selbst zubereiten und vielen andere kleinen oder größeren Handgriffen bis hin zum Rindfleisch selbst, das faschiert, subtil gewürzt, zu Pattys geformt und sorgfältig gegrillt werden muss.

Und was ist mit dem Hummer? Nun, der wird in Salzwasser (allenfalls zusammen mit ein paar Kümmelsamen und Petersilienstängel) gekocht, danach auf eine Platte gelegt und mit Mayonnaise (die heutzutage auch kaum mehr wer selbst aufschlägt) aufgetischt – im Grunde genommen sind das aber nur zwei bis maximal drei Arbeitsschritte.  

Wieso hat der Hamburger dann einen so „schlechten“ Ruf? Nun, zweifelsohne ist einer der Gründe die Systemgastronomie, welche ihn millionenfach – immer in der selben Größe, mit immer dem selben Geschmack (zumindest innerhalb einer Kette) und ewig gleicher Langeweile – über die Theken schiebt. Liebe, Sorgfalt (außer bei der Qualitätskontrolle der Zutaten und der Hygiene) und Individualismus wird man da nicht erleben – ganz im Gegenteil: die Homogenisierung des Geschmacks ist sehr wohl gewünscht. Und weil die meisten Menschen Gewohnheitsmenschen sind, funktioniert das auch ganz gut.

Übrigens auch mit Hummer.

Folglich sind es wohl wir selbst, welche entscheiden, was zum Fast-Food wird, und was nicht. Eine einfache Mehlsuppe kann zur Delikatesse werden, wenn wir es zulassen und sie mit dem ihr zustehenden Respekt schlürfen. Aber da unsere Welt immer mehr Sensibilität und Sinn für das, was uns wirklich nährt – nämlich Mutter Erde und die verantwortungsvollen (!) Landwirte und Bauern, welche in täglicher mühevoller Arbeit für beste Qualität der Nahrungsmittel sorgen und dabei nicht selten sogar zu Naturschützern werden – zu verlieren scheint, ist es das wenig verwunderlich.

Ich persönlich liebe das vermeintlich Einfache mindestens genauso wie das vermeintlich Hochsteh- ende. Sofern schätze ich natürliche Top-Qualität, wie sie uns von Natur aus geschenkt wird. Wir persönlich machen den Unterschied aus, nicht die Gesellschaft und auch nicht irgendwelche selbsternannten „langsam Wasser trinkenden“ Gurus. Der Weg vom „Fast“ zum „Slow“ ist einfach der, den Moment des Respekts und den Augenblick des Genusses zu erkennen und seinen Wert zu schätzen. So falsch ist das nämlich gar nicht, mit dem in Bergregionen noch weit verbreiteten Tischgebet; man nimmt sich Zeit für das Essen, vor allem aber für sich selbst!

Sie werden feststellen, wenn sie bewusster genießen, werden sie (auch, nein gerade, bei ihrem Lieblingsgericht) Geschmacksnuancen und -Facetten erschmecken, die sie bisher nicht erlebt haben. Das Leben und der Genuss werden intensiver, interessanter, vielseitiger und schöner: Lassen Sie es sich gut gehen! Insofern hat Fast-Food hat durchaus auch seinen Platz im Slow-Life, es kommt nämlich nicht darauf an, ob man seinen Burger im Stehen oder Sitzen isst, sondern ob man ihn bewusst genießen kann oder einfach nur herunterschlingt.

In diesem Sinne wünsche ich einen wunderschönen Sommer – genießen Sie jeden Augenblick, denn auch der schönste Augenblick verweilt ganz sicher nicht, wie wir spätestens seit Faust wissen sollten!

 

Gerd Wolfgang Sievers

Gerd Wolfgang Sievers

INTERVIEWS

>>> Wolfgang Puck
>>> Sasha Walleczek


Die besten
Produkte Österreichs

>>> Das "Steirische Kernöl"


ARCHIV

>>> Slow- oder Fastfood
>>> Häferlgucker und Schmauswaberl
>>> Aphrodisierende und erregende Genüsse
>>> Champagnerfrühstück und Picknick
>>> Traditionelle oder exotische Genüsse?
>>> Gulasch oder Döner?

Beim internationalen Kochbuchwettbewerb „Gourmand World Cookbook Award 2007“ wurde das von Gerd Wolfgang Sievers verfasste Buch „Genußland Österreich“ aus über 6.000 Einreichungen aus 107 Ländern als eines der beiden weltbesten Kochbücher ausgezeichnet. Der Preis wurde im April 2008 von Edouard Cointreau in London anlässlich der internationalen Buchmesse verliehen.

Über 1.000 Rezepte aus allen regionalen Küchen Österreichs und mehr als 500 Produzenten, Weinbauern, Restaurants und Gasthäuser werden in diesem ausgezeichneten Kochbuch vorgestellt. 544 Seiten mit mehr als 1.300 Farbfotos vermitteln Wissenswertes über die österreichische Genusskultur

Selbstverständlich ist auch dem Wiener Naschmarkt ein eigenes Kapitel im Buch gewidmet.

 

Gerd Wolfgang Sievers
Genussland Österreich
Stocker Verlag, Hardcover, 544 Seiten € 39,90

\n