Der Kiebara vom Naschmarkt

 

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Guten Morgen, Herr Inspektor“, schallt es mir mehrfach entgegen. Ein paar Eiserne sind schon anwesend, wobei nicht klar ist, ob es sich um deren frühen Morgen oder späten Abend handelt. Als Faustregel gilt: Liegt eine Zeitung auf dem Tisch, ist der Leser in morgendlicher Andacht versunken und sollte nur einsilbig angesprochen werden.

Ich selbst bin immer ein wenig aufgekratzt nach dem Nachtdienst, selbst wenn keine besonderen nächtlichen Ereignisse zu verzeichnen waren; das liegt wohl am anbrechenden Tag.
Persönlich ist es mir lieber, ich habe etwas zu berichten, denn natürlich kennen die Stammgäste meine nächtliche Tätigkeit und sind begierig auf Neuigkeiten. Folgendes trug sich zu und führte heute Nacht zu exekutivem Einschreiten:
Im Stadtpark war, wie sich herausstellte, ein etwas exzentrischer Mann zu beobachten, mit einem groß dimensioniertem Rucksack und mit Plastikbechern hantierend. So was erregt nicht sonderlich Aufsehen; es hätte sich um einen Obdachlosen oder um einen Stadtwanderer handeln können. Auffallend war jedoch, dass sich öfters kleine Grüppchen von Leuten bildeten, zum Teil Touristen, zum Teil aber offenbar Schüler. Man muss in solchen Fällen immer mit Drogendealern oder Hütchenspielern rechnen.

Irgendwann erhielt die Polizei Kenntnis davon und wir beschlossen, auf die Sache ein Augenmerk zu legen. Nach ein paar Tagen konnten zwei Kollegen den Mann überprüfen und mussten nicht ohne Erstaunen feststellen, dass jener einen mobilen Glühweinstand betrieb. Der große Rucksack entpuppte sich als großer Thermobehälter und darin schien sich tatsächlich Glühwein zu befinden. Nun – wer Glühwein trinkt, den bestraft das Leben ohnehin am nächsten Tag, allerdings hatte der Herr natürlich weder Unrechtsbewusstsein, noch eine Gewerbeberechtigung. Er verlangte einen Euro pro Becher, was man als echtes Schnäppchen be- zeichnen muss, und so etwas verbreitete sich besonders unter abenteuerlustigen Schülern wie ein Lauffeuer. Das war die Stamm-, die Touristen die Laufkundschaft. Ein interessantes Geschäftsmodell (Lachen an der Theke).
Trotz Verwarnungen und Anzeigen war er nach längstens zwei Tagen wieder anzutreffen. Er verteidigte sich nicht groß, sondern betonte nur immer wieder, er sei in diesen kalten Tagen der Bote der Heißgetränke.

Heute schließlich mussten wir ihn verhaften und seine Ausrüstung beschlagnahmen. Man kann mit einer derartigen scheinbaren Bagatelle nämlich gegen ziemlich viele Paragrafen verstoßen. Besonders wenn Bewirtung und Jugendliche im Spiel sind.
Aber ich bin mir sicher: er wird bald wieder auftauchen, vielleicht an einem anderen Ort und weiterhin sein Unwesen treiben.
In der „Eisernen Zeit“ wird der Vorfall nun erstaunlich hitzig diskutiert. Wein ist den Wienern eben doch ein Herzensanliegen – selbst wenn er köchelnd und gezuckert auftritt.

Prost! Ich hebe mein Bierglas, bin froh über mein Feierabend-Kaltgetränk und mein zeitweise spannendes und kurioses Dasein als Streifenpolizist im Nachtdienst.


Lothar Paul Schall

 

 

 

 

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* Polizist (mhd. kîben: schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten.

** „Schmier“ für uniformierte Polizei.

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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