Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„So ein Abstieg in die Kanalisation ist nämlich illegal und sogar gefährlich!“ sagte ich und bemerkte nicht, dass mein Gulasch allmählich kalt, das Bier indessen warm wurde.

Bevor ich nämlich in der „Eisernen Zeit“ Einkehr hielt, war ich noch etwas im Großraum Naschmarkt umhergestreunt und hatte dabei den Abstieg in das Wiental gewagt.

An ein paar Stellen kann man das, wenn man eine Absperrung überklettert. Es handelte sich natürlich um eine alberne Mutprobe; ich wollte einfach nur einen Blick riskieren, einen Dritter-Mann-Blick, sozusagen. „Obwohl nur ein kleines Rinnsal dahinkroch, stank es fürchterlich“, fuhr ich wahrheitsgemäß fort. „Die kleine Taschenlampe an meinem Schlüsselbund erhellte die Szene nur mäßig. Es war ein wenig schauerlich. Ich glaubte, Ratten – blade*** Ratten – trippeln zu hören. Gelegentlich traf mich ein unnatürlich fetter Wassertropfen, was nicht nur erschreckend, sondern auch ekelig war. Es musste schließlich nicht unbedingt Wasser sein, das mich da traf.

Plötzlich, fast wäre ich darüber gestolpert, sah ich einen großen, unförmigen Gegenstand vor mir liegen. Der Polizist denkt natürlich sofort an eine Leiche! Vorsichtig, um keine Spuren zu verwischen, näherte ich mich und im mageren Lichtkegel meines Lämpchens sah ich, dass es ein großer, toter Hund war. Ich war erleichtert, denn eine Leiche hätte meinen Feierabend gründlich versaut. Soweit ich konnte, untersuchte ich das Tier. Es schien schon einige Zeit tot und entsprechend unappetitlich war der Zustand.

Genau kann ich das aber nicht sagen, schließlich bin ich weder forensischer Pathologe, noch Tierkadaververwerter. Dann, ich hätte es fast übersehen, bemerkte ich das Hundehalsband. Es war klar: Ich musste zur Ermittlung des Besitzers das Band abnehmen. Eine widerliche Tätigkeit, besonders, weil ich den Verschluss nicht gleich fand. Nach etwas Gezerre war das glitschige Lederteil samt Hundemarke jedoch in meinem Besitz und ich haute mich schleunigst über die Häuser****.

Endlich wieder zurück im Tageslicht beeilte ich mich, etwas zum Verpacken meiner Fracht zu finden und zum Glück flatterte mir ein Stück Einwickelpapier eines Wurstherstellers direkt vor die Füße. Dankbar verpackte ich meine Fracht und bin dann gleich her. Abgeben kann ich das Band ja später, der Hund läuft sicher nicht mehr weit!“

Alle lachten rundum und wollten das Band begutachten, das auf dem Stuhl neben meinem lag. Dies wollte ich der morgendlichen Gästeschar natürlich nicht verweigern und so wurde dann eifrig über die Hundemarkennummer debattiert.


Lothar Paul Schall

 

 

 

 

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* Polizist (mhd. kîben: schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten.

** „Schmier“ für uniformierte Polizei.

***  blad oder blaht: dickleibig, fett

**** über die Häuser hauen: das Weite suchen, sich trollen

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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