Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Halt! Polizei!“ Im selben Moment, als ich diese außerordentlich klare Aussage ins frühmorgendliche Halbdunkel brüllte, wurde mir klar, dass ich mich heute ausnahmsweise bei Dienstschluss in Zivilkleidung gezwängt hatte. Die Uniform erscheint mir als natürliche Kleidung, während ich mir in Straßenkluft ein wenig verkleidet vorkomme. Sehr eigenartig – ich mache wohl zu viele Überstunden. Es war früher als sonst und ich hatte den Weg über die Secession gewählt; es war eine Menge eiserne Zeit zu überbrücken, bis sich die Wirtshaustür freundlich öffnen würde.

Drei oder vier schemenhafte Gestalten hatten sich, offenbar in verbrecherischer Absicht, an der Werbeaufschrift eines Marktstandls zu schaffen gemacht, wobei einer der – wie ich erkennen konnte – männlichen Täter an der bereits herabhängenden Tafel herumriss, und die anderen ihm als menschliche Leiter dienten. Der Ausdruck „Räuberleiter“ traf hier in aller Schärfe zu. „Halt, Polizei! Sie sind verhaftet!“ Ob ein Polizist im Dienst ist oder nicht, ist unerheblich. Wird er mit einer Rechtswidrigkeit konfrontiert, kann, ja muss er sich quasi selbst in Dienst stellen und handeln.

Ich hatte eine Handvoll Gegner, deren Gefährlichkeit ich nicht so recht einschätzen konnte, hatte weder Dienstwaffe noch Handschellen bei mir und könnte ebenso gut ein nachtschwärmender Spinner sein. Insgesamt keine guten Karten. Hätte ich Zeit gehabt, meine Situation zu überdenken, wäre mir wohl etwas mulmig gewesen. Vermutlich war dies ein billiger Akt des Vandalismus von einer übermütigen Gruppe betrunkener Nachtschwärmer; ein professionelles Einbrecherteam hätte sich wohl diskreter verhalten und sich auch kaum mit einer Werbeaufschrift abgegeben. Mein Gebrüll und der anschließende Sprint verfehlten die Wirkung nicht. Das Grüppchen entknäuelte sich schlagartig und trat sofort die Flucht an. Einer hatte, soviel konnte ich erkennen, eine Tafel unterm Arm, es handelte sich also um Serientäter. Um junge Serientäter, denn ich war nach wenigen Metern Verfolgungsjagd zur Überzeugung gelangt, dass eine nicht motorisierte Verfolgungsjagd aussichtslos sei. Keuchend sah ich sie im Freihausviertel verschwinden, rief keuchend die Kollegen per Handy herbei und keuchend nestelte ich nach einer Zigarette, ehe mir bewusst wurde, dass ich wieder einmal zu rauchen aufgehört hatte.

Die Personenbeschreibung, die ich liefern konnte, war ziemlich vage, die Kollegen von zwei Streifen konnten keine verdächtigen Passanten ausmachen. Ich stand unter der halb demontierten Tafel, die ein wenig schaukelte und dem Szenario etwas Italowesternhaftes verlieh, diktierte meine Aussage und war froh, als die Formalitäten erledigt waren. Inzwischen hatte der morgendliche Naschmarktbetrieb eingesetzt und auch der Geschädigte war mittlerweile erschienen und fluchte ausgiebig. Es war nicht der erste Vorfall dieser Art, wie er versicherte, und das Wort „Selbstschussanlage“ fiel. Es gelang mir, ihn argumentativ auf „Videoüberwachung“ herunterzuhandeln. Danach war es in doppelter Hinsicht Zeit für das wohl verdiente Feierabendbier. Der typischen Frage, was denn nachts los gewesen sei, konnte ich an diesem Morgen jedenfalls gelassen, ohne auf großartige Ausschmückungen zurückgreifen zu müssen, entgegensehen.


Lothar Paul Schall

 

 

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* Polizist (mhd. kîben:
schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten. „Schmier“ für uniformierte Polizei.

 

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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