Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Ich habe mir sagen lassen, es sei Frühling draußen“, hörte ich einen Fremden sagen, als sich die Tür mürrisch knarzend hinter mir geschlossen hatte. Nach dieser Logik müsste er seit Wochen die Gaststube nicht verlassen haben. Jedoch wäre mir das gewiss nicht entgangen. Offenbar wollte er einen Gag anbringen. Das erstaunte mich nicht, denn das Ohr, das ihm lauschte, war ein weibliches.  In der Tat zog der Frühling alle Register und doch konnte ich mich nicht bedingungslos daran erfreuen, denn das bedeutete auch, dass mir der wie aus dem Nichts entstandene Winterspeck schmerzlich bewusst wurde. Ich verzehrte den Rest der Eitrigen**, die ich auf einem Pappteller bei mir führte und damit das sich breit machende schlechte Gewissen auch ordentlich etwas zu tun hatte, bestellte ich sogleich ein kleines Gulasch. Einer jener unvermeidlichen Herren, die schon morgens die Budl*** bevölkern, die immer etwas zu vertraulich zu mir sind – wohl, um sich ein wenig einzuschmeicheln, man kann ja nie wissen – und die stets „gleich noch einen Termin“ haben, erkundigte sich nach nächtlichen Ereignissen. Ein nicht unbeträchtlicher Teil meiner Beliebtheit resultiert aus dem Umstand, dass ich über so manches Ereignis Bescheid weiß, noch ehe es in der Neuigkeitenverwurstungsmaschinerie von Presse und TV landet.

„Ach“, winkte ich ab, „das Übliche an betrunkenen Randalierern und Verkehrssündern. Spannend war nur ein Sittendelikt am Südbahnhof. Dort hatten offenbar Frühlingsgefühle ein Paar übermannt. Hat nicht mehr die Geduld aufgebracht, die Wohnung aufzusuchen. Stattdessen haben’s einen Fotoautomaten als Tatort gewählt. Diese Apparate haben ja oft nur halblange Vorhänge, sodass die untere Körperhälfte sichtbar ist. Natürlich werden schon zur Verbrechensvorbeugung Bahnhöfe genau überwacht. Ein aufmerksamer Kollege hat dann auch das Szenario auf einem seiner Bildschirme bemerkt. Die Hose des beteiligten Herrn is’ gen Knöchel gerutscht und die Dame hat sich in eindeutiger Weise an ihm zu schaffen gemacht. Man könnt’ so was auch vergnüglich beobachten und fünfe grade sein lassen, aber da sich eine teils amüsierte, teils entrüstete Gruppe zufälliger Zeugen gebildet hat und wir gerade in der Nähe waren, haben wir einschreiten müssen. Allerdings sind wir zu spät gekommen. Die beiden Liebesvögel sind bereits bekleidet vor dem Automaten gestanden und haben – offenbar im Überschwang der Hormonausschüttung – über „die verklemmten Spießer“ gespottet. Ich lächelte, denn offen gestanden, fand ich das Delikt selbst nicht allzu schlimm, zumal zu dieser Nachtzeit keine Kinder mehr unterwegs sind.

Die halbe „Eiserne Zeit“ amüsierte sich in blumigen Worten über den Vorfall. Bald würde Karl kommen. Er brachte mir meine Postkartensammlung zurück, die er digitalisiert hatte, um sie „ins Netz zu stellen“. Nun gut, würde ich eben auch ein wenig mit der Zeit gehen.

Ich aß mein Gulasch mit großem Genuss. Jedenfalls konnte der Frühling weder meinem Speck, noch meinen Hormonen viel anhaben. Soviel war sicher.


Lothar Paul Schall

 

 

 

 

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* Polizist (mhd. kîben:
schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten. „Schmier“ für uniformierte Polizei.

**   Gemeint ist die Wurstspezialität „Käsekrainer“, deren Inneres sich eiterähnlich präsentiert. Zuweilen ist das Wienerische von solch drastischer Direktheit.

***   Theke, Tresen

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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