Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

Folgendes trage ich seit Tagen mit mir herum: eine Großpackung Schminkweiß und eine rote Pappnase. Wenn man nicht ein außerordentlich gut funktionierendes Selbstbewusstsein hat, muss man daran verzweifeln. Immerhin bin ich Polizist und habe quasi ein öffentliches Amt inne. Während ich mich nicht entscheiden kann, welche Order in der „Eisernen Hand“ heute angemessen ist – ich schwanke zwischen Radler und Apfelsaft; hoffentlich werde ich nicht krank –, geistert der Gedanke durch meinen Kopf, ob ich im nächsten Jahr den Fasching in Rio feiern soll.
Das mit der Schminke ist der Gattin anzulasten, wir müssen zu irgendeinem Verkleidungsball, und aus Verzweiflung bestelle ich Apfelsaft. „Hallo Paul“, töne ich. Wohnt der eigentlich hier? Und erzähle sofort meine Rio-Pläne. Eine eigenartige Rückfrage kommt wie aus der Pistole geschossen: „Mit oder ohne Frau?“ Mit natürlich, ich bin doch keine Schlampe! Leider gibt es keine männliche Entsprechung für „Schlampe“. Ich und Alice Schwarzer finden das scheiße, aber es ist halt so.
Ich erzähle Paul an der Zapf’* meinen diesjährigen Faschingswitz: „Ein Mann wacht nach durchzechter Nacht am Naschmarkt völlig verkatert auf. Schleppt sich ins Bad, guckt in den Spiegel und sieht, dass ihm ein Fädchen aus dem Mund hängt. Er stöhnt: „O Gott, lass es einen Teebeutel sein!“ Bald ist Aschermittwoch und das heißt: Strengste Diät! Obwohl dergestalt erzogen, bin ich doch kein guter Katholik, aber die Fastenzeit habe ich mir bewahrt und in dieser Zeit gibt’s kein Rauchen, kein Saufen und keine lustigen Heimspiele (letzteres findet die Gattin nicht so gut). Und an Ostern beginnt dann wieder das große Fressen und der Vorteil ist: es fühlt sich toll an. Also fasten sie, meine Herrschaften! Es kommt doppelt und dreifach zurück!


Lothar Paul Schall

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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* Polizist (mhd. kîben:
schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten. „Schmier“ für uniformierte Polizei.

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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