Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Servus Mistelbacher“, tönt es von einem Tisch an mein Ohr, „hat die Gattin noch etwas Auslauf gewährt?“ Das ist Pauli, der die bemerkenswerte Fähigkeit besitzt, in einem Satz gleich mehrere Unverschämtheiten dicht gedrängt unterzubringen. Ich geselle mich zu der Runde, der er angehört, und erwähne, ihn auf der Flucht erschießen zu wollen. „Der Ozwickte* mi’n Riesen-Diebel**, der oft do is, der is a so ana!“ setzt Pauli seine durch mich unterbrochene Ansprache fort; er ist in seinem Element. Gesprächsthema sind wieder einmal die Hütchenspieler – ein Thema, das mir schon reichlich zum Halse raushängt, zumal ich wohl der Einzige hier bin, der auf Seiten von Recht und Ordnung steht. Alle anderen sehen das eher als Bagatelldelikt oder machen sich gar über mich lustig. Einer schlägt vor, die Polizei solle sich mit Netzen ähnlich den Taubenfängern ausrüsten. Sehr witzig. Ich kontere mit einem Paragraphen-Stakkato. Verstöße gegen § 82 StVO, § 88 Abs. 1 StVO, § 78 Abs. 5 Z 4 lit c StVO, § 81 Abs. 1 SPG, § 3 Abs 1 Z 1 und 2 WLSG, § 30 Z 6 Wr. VeranstaltungsG, § 146 StGB … Obwohl die Hälfte frei erfunden oder fehlerhaft zitiert ist, erreiche ich doch die erwünschte Wirkung und schinde Eindruck mit der Vielschichtigkeit des Delikts. Abenteuerliche Verlustsummen kursieren. Tausende, sogar zehntausende Euro sollen manche verloren haben, die Spielergruppen Einkommen wie Generaldirektoren lukrieren. Es versteht sich von selbst, dass der Übertreibungszuschlag bereits inbegriffen ist. Man sollte Übertreibungen besteuern: das Land würde im Geld versinken. „Owezahra“,*** murmle ich, wobei unklar bleibt, ob ich damit die Anwesenden oder die Hütchenspieler meine. Diese Unklarheit kommt mir recht gelegen. Klar hingegen ist die Entscheidung, das kleine Gulasch mit einem Seidel hinunterzuspülen. Es ist so gemütlich hier.

Meine insgesamt jedoch wenig erfreuliche Laune kann auch die aufgehende Sonne nicht wesentlich verbessern. Es ist wohl der Advent, der sich mir auf meine zarte Seele legt und den ich so überflüssig find’ wie an Kropf. Wenn ich an den alljährlichen Konsumtaumel denk’, geht ma langsam, aber sicher s’Gimpfte auf. Schon vor Jahren haben wir – ich und meine Frau– Weihnachtsgeschenke abgeschafft. Selten – sehr selten – sind ich und meine Frau einer Meinung, aber es kommt immerhin vor. Allzu oft redet sie an Topfen und dann muss ich weghören. Bin ja doch ein Gentleman. Ach ja, ich wollte doch noch zum Flohmarkt, meiner Postkartensammelleidenschaft nachgehen. Ich möchte wieder mal das Sammelthema wechseln und mich entsprechend inspirieren lassen. Vielleicht Palmen als Motiv, oder Osterhasen. Zuerst aber weg mit der Trägheit, bedingt durch reichlich Bierkonsum und den anstrengenden Nachtdienst. Na ja, der fällt mir auch immer schwerer. Ich kann doch unmöglich schon alt werden.

„Wir sind ein überaus glückliches Land“, räsoniert Pauli derweil weiter, „denn wenn wir keine wichtigeren Sorgen haben, als Hütchenspieler zu jagen, ist das ein gutes Zeichen!“ Insgeheim pflichte ich ihm bei, zumindest ein bisschen und wirklich nur insgeheim.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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* Polizist (mhd. kîben:
schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten. „Schmier“ für uniformierte Polizei.

** Gemeint ist die Wurstspezialität „Käsekrainer“, deren Inneres sich eiterähnlich präsentiert. Zuweilen ist das Wienerische von solch drastischer Direktheit.

***  Theke, Tresen

*  ozwickt: wörtlich „abgezwickt“,  „gekürzt“, für: klein gewachsen
**  Diebel: Beule, Talgansammlung, massiver  Aknepol – irgendeine nicht serienmäßige                         menschliche Ausformung
*** Owezahra: wörtlich „Hinunterzieher“, für: Faulenzer, Arbeitsscheuer

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

 

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