Der Kiebara vom Naschmarkt

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Servus Mistelbacher“. So schallt es mir vielfach entgegen, als ich meinen müden Leib in die „Eiserne Zeit verfrachte.

„Dere,“*** sage ich mürrisch. Wie fast jeden Tag, kommt irgendein Komiker an der Bar auf die besonders originelle Idee, mich mit meinem Nachnamen zu begrüßen. Als Polizist ist dieser Name ein echter Fluch, denn aus der schönen Gemeinde Mistelbach wurden nach dem Krieg viele Bauernsöhne rekrutiert und einen Polizisten „Mistelbacher“ zu nennen, ist eine mittelschwere Beleidigung, man sagt und meint das ausschließlich in einer abwertenden und kränkenden Absicht. Früher habe ich mir öfter gewünscht, anders zu heißen – „Tullner“ oder „Wiener“, inzwischen trage ich mein Los aber beinahe mit Fassung.

Nun ja, im Heimatbeisl muss man so etwas ohnehin ertragen lernen, es ist freundlich gemeint. Neben den von der Nacht Übriggebliebenen haben sich schon etliche Frühaufsteher eingefunden. Ich finde, Frühaufstehern haftet etwas Vorwurfsvolles an.

Das Wort Vorwurf erinnert mich übrigens rein zufällig an meine Frau, die mich gestern bat, ihr eine spezielle Illustrierte mitzubringen, die es ausschließlich am Westbahnhof gibt. Leider habe ich den Titel vergessen und werde wohl ein wenig Kritik einstecken müssen.

Ich hätte ohnehin keine Zeit, denn es ist Samstag und ich muss noch zum Flohmarkt. Meine bemerkenswert geniale Postkartensammlung verlangt nach Ergänzung. Zur Zeit sammle ich Karten, auf denen genau drei Menschen abgebildet sind. Ein überaus schwieriges und daher reizvolles Thema, mit dem ich allerdings selten auf Verständnis stoße. Aber wozu soll ich mich mit laienhaften Einwänden herumschlagen?

„A Krügerl und a klanes Gulasch!“

Nicht nur der Wirt, auch ich beschäftige mich zur Zeit mit Gastronomie und zwar mit Gulaschkanonen, die ein sehr gutes Geschäft sein können. Die Zeiten werden ja laufend schlechter und bei der Polizei wird an allen Ecken gespart. Ich bin schon gespannt, wann sie die Gurken**** durch Rauchzeichen ersetzen und die Dienstautos durch Skateboards. Da ist es gut, für den Fall der Fälle eine Alternative zu haben. Die Saufbrüder hier können oft ihre Schandmäuler nicht halten, ziehen mich wegen meiner Passion auf und nennen mich gar „Gulaschprofessor“.

Seit meine Bewerbung zur „Wega“ gescheitert ist, fühle ich mich unterfordert und unterschätzt. Naja, in Sport war ich noch nie gut. Dabei gibt es in Wien ohnehin kaum Einsätze, also wozu die übertriebene Turnerei?

„Und, Kommissar – was passiert heut’ nacht? Wen hamdraht?“*****

Da gähne ich schon innerlich: Das anbiedernde, vielleicht sogar leicht spöttische „Kommissar“, obwohl jeder weiß, dass ich Inspektor bin.

Die Neugier, aus erster Hand zu erfahren, was denn während der Nachtstunden so vorgefallen sein mag, ist verständlich.

„Wir mussten wieder einmal Josef Kamm verhaften. Josef von Kamm, so nennt er sich, doch ist das ‚von’ frei erfunden. Ein geistig etwas verwirrter, aber völlig harmloser Mitbürger. Man hat ihn wohl als Kind zu heiß gebadet. Jedenfalls hat Herr Kamm die fixe Idee, dass Hydranten grün zu sein hätten.

Er ist durch nichts davon abzubringen und hat schon stapelweise Eingaben und Anträge an alle möglichen und unmöglichen Behörden und vermeintlich zuständigen Stellen gestellt, sogar an die Grünen, die er wegen ihres Namens als seine Verbündeten betrachtet, in der Hoffnung, sich dort vielleicht eine Lobby „gegen die Traditionalisten im Rathaus“ aufbauen zu können. Nachdem sich nicht nur diese, sondern auch alle anderen Hoffnungen auf Einsicht für sein Anliegen grüne Hydranten betreffend zerschlagen hat, hat Herr Kamm sein kleines bisschen kriminelle Energie zusammengesammelt und ist zur Tat geschritten.

Hat sich im Baumarkt grüne Farbe nebst Pinsel besorgt und hat die Hydranten umzulackiert. Kamm wird immer wieder auf frischer Tat ertappt. Manchmal meldet aber auch nur ein Bürger, eine grüne Version entdeckt zu haben. Wir wissen dann schon, an wen wir uns wenden müssen. Stapelweise Sachbeschädigungsklagen sind Kamm völlig egal, und da er nur sehr eingeschränkt zurechnungs- und straffähig ist, macht er weiter und wir ihm hinterher. Auch heute Nacht wurde er in Gewahrsam genommen und vernommen. Erfahrungsgemäß beginnt das Spiel morgen von vorne.

Davon abgesehen war heute nicht viel los – die üblichen Raufereien halt.“

Ich versuche, den Blick des abgebrühten Beamten aufzusetzen und blicke in die Runde. Fünf, sechs Zuhörer – nicht schlecht.

Nach ein bisschen Plaudern begleiche ich zügig die freundliche Rechnung. Ich bezeichne niedrige Rechnungen gerne als „freundlich“ und analog dazu hohe als „unfreundlich“. Ich finde, das kommt der Sache recht nahe. Eisern schreitet schließlich die Zeit voran und so eile ich in freudiger Erwartung zum Flohmarkt.

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* Polizist (mhd. kîben:
schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten. „Schmier“ für uniformierte Polizei.

**  „Schmier“ für Polizei

***  Schlampig-saloppe Abkürzung für „Habe die Ehre“

****  Umgangssprachlich für Walkie-Talkie, Sprechfunkgerät

*****  Gebräuchliche Wiener Formulierung, wörtlich: „Nach Hause gedreht“ für: ermordet, umgebracht

 

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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