Der Kiebara vom Naschmarkt

 

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

Als ich, übermüdet und leicht entnervt vom Nachtdienst, in der „Eisernen Zeit“ eintraf, wurde ich begrüßt wie ein verschollen geglaubter Weltreisender. Ein erhebendes Gefühl, dabei war ich doch nur für ein paar Monate auf Kur gewesen. Die Ärzte meinten, für den Rücken, ich meinte, für mich als ganzes wäre eine „Runderneuerung“ nicht schlecht.

Nun, man kennt den Effekt der Erstverschlechterung. Kaum lebt man etwas gesünder, fühlt man sich mieser als vorher, und das ändert sich erst nach einiger Zeit. Bei mir nun gab es nicht nur eine Erst-, sondern auch eine Zweit- und Drittverschlechterung. Im Laufe der Kur fühlte ich mich immer elender, bekam Wimmerl* und Nesselausschläge, schmerzende Knie und ein nicht enden wollendes Mürrischsein, gepaart mit der Unfähigkeit, etwas mit mir selbst anzufangen, sowie einer starken Unruhe, die ich auf Reizmangel zurückführte. Es war einfach nichts los, gar nichts. Also stellte ich die Selbstdiagnose multiple Wehwehchen aller Art sowie endogene und exogene depressive Verstimmungen. Ich konnte ja nicht gut „Morbus Mürrischsein“ erfinden.

Mit meiner Selbstdeklaration kam ich sehr gut über die Runden, Tisch- und Abendgespräche drehten sich in immerwährenden Befindlichkeitsschleifen um sich selbst, und die zynische Äußerung eines Mitpatienten, mir fehle gar nichts, ich sei einfach nur ein Wiener, überging ich – natürlich nicht, ohne tiefen Groll zu hegen.
Ich bin zurück, der Rücken ist so lala, gelegentlich qualmt eine Zigarette („nur zum Genuss“) oder ein Bierchen perlt, das sich zum großen Gulasch gesellt.

Mit einem Wort: Es ist alles beim Alten.

In dieser letztlich statischen Gesamtsituation tut es gut, behandelt zu werden wie ein VIP, der eben noch dem Totengräber von der Schaufel gesprungen ist. Dafür bin ich den Gästen im Beisl zutiefst verbunden und beschließe, gelegentlich wieder ein nächtliches Abenteuer aus der Welt der Streifenfahrten zum Besten zu geben.

Man kann sagen, was man will: Eine Kur – Zeit hin, Kosten her – ist eine sehr sinnvolle Einrichtung, die Rückkehr ist angenehm und der Rücken hat immer was... ;-)

* Pickel, Pustel


Lothar Paul Schall

 

 

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* Polizist (mhd. kîben: schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten.

** „Schmier“ für uniformierte Polizei.

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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