Der Kiebara vom Naschmarkt

 

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

Es ist etwas unerfreulich, die hundertste Diskussion über Sinn und Unsinn der Sommerzeit mitanhören zu müssen. Merkwürdigerweise scheint niemand dafür zu sein – ein Plebiszit ergäbe ein klares „Ja“ für die Abschaffung, wobei ich im Rahmen der Gegner eine Minderheit bin, denn ich würde es bei der Sommerzeit belassen wollen. Ich kaute ausnahmsweise lustlos an meinem Gulasch herum. Der Dienst von vergangener Nacht erschien mir anstrengender als sonst; hoffentlich keine Alterserscheinung. Nachher würde ich zum Flohmarkt pilgern, denn ich hatte in letzter Zeit meine Postkartensammlung sträflich vernachlässigt. Ich würde der Jahreszeit ent- sprechend nach sommerlichen Motiven suchen und dachte dabei an alte, handkolorierte Badeszenen, in denen die Leute quergestreifte, übergroße Badeanzüge trugen.

„Na, was los gewesen heute Nacht, Herr Kommissar?“ Die lakonische Frage konnte nur von Pepi, einem Urgestein von Stammgast, kommen. Er nannte mich immer unzutreffenderweise „Kommissar“. Die ersten Male war das schmeichelhaft, aber inzwischen habe ich die Ironie begriffen. „Wir hatten eine Wasserleiche, Pepi!“, ließ ich gleich in voller Tragweite eine Wortbombe platzen.

„Dazöh!“* Pepi rückte verschwörerisch näher. Ich fuhr fort: „Gegen Mitternacht ging ein Notruf von einem der Grillplätze auf der Donauinsel ein. Dort grillten und feierten ein paar Jugendliche und hatten im diffusen nächtlichen Großstadtlicht eine angeschwemmte Leiche entdeckt, halb unter einem Gebüsch verborgen. In solchen Fällen bedeutet das immer nicht nur einen Leichenfund, sondern auch Mordalarm.

Wir waren in der Nähe und als Erstes am Fundort, aber nach und nach rückten die Herren von Kripo und Mordkommission auch an. Als wir ankamen, stand das Grüppchen in gedrückter Stimmung zusammen; das Feiern war ihnen wohl gründlich vergangen. Ich finde Wasserleichen ekelhaft und je länger sie im Wasser liegen, umso ekelhafter werden sie. Aber es ist eben auch Teil meines Jobs, der nicht immer geruhsam und angenehm ist, und so inspizierten wir den Fundort mit unseren Taschenlampen. Die Leiche war verfangen im Ufergestrüpp und kaum zu sehen vor lauter Schwemmgut, das sie halb bedeckte – man sah nur wenig weiße Haut. Dann stellte die Einsatzeinheit für solche Fälle starke Scheinwerfer auf. Eine Menge Personal war inzwischen zur Stelle und war entweder oder nahm sich wichtig. 4000 Watt leuchteten auf.

Und erst jetzt, im grellen Schein dieser Lichtkegel, war, nachdem ein wenig Schwemmholz entfernt worden war, zu erkennen, dass es sich gar nicht um einen Menschen, sondern um ein totes Schwein handelte. Fehlalarm! Befreiendes Lachen, blöde Witze, Rätselraten. Natürlich wird ein Schwein nicht abgängig gemeldet. Es war und ist bis jetzt unklar, woher das Tier kam und wie es in die Donau gelangte.“

Ich nahm einen tiefen Schluck Feierabendbier und Pepi grölte vor Lachen. Ich bezahlte, um mich um meine Postkarten zu kümmern. Eins war sicher: In der „Eisernen Zeit“ würde es am Vormittag nicht an einem Gesprächsthema mangeln.

Und die leidige Sommerzeit war vergessen.


Lothar Paul Schall

 

 

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* Polizist (mhd. kîben: schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten.

** „Schmier“ für uniformierte Polizei.

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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