Der Kiebara vom Naschmarkt

 

Georg „Schorsch“ Mistelbacher ist Kiebara*, G’schmierter**. So oft wie möglich versieht er Nachtdienst, denn das bedeutet höhere Zulagen und Ruhe von den Vorgesetzten. Morgens hält er dann Einkehr im Gasthaus „Zur eisernen Zeit“. „Der letzte Einsatz ist immer der Gulascheinsatz!“ pflegt er zu sagen.

„Dere, Mistelbacher“, sagen viele im Raum, als ich eintrete. Ich bin etwas angespannt. Meine Urlaubsplanung ist noch immer nicht abgeschlossen, was wieder einmal bedeutet, dass ich den Plan, als Frühbucher zeitgerecht vorgesorgt zu haben, begraben habe und mich, wie mir scheint, in Riesenschritten der Last-Minute-Version nähere. Im Grunde ein entwürdigendes Schauspiel, dass sich Jahr für Jahr wiederholt und dem ich manchmal nur mit einem befreienden „Ich bleibe heuer zu Hause!“ entkommen kann.

„Die Nacht“, beginne ich meinen Kurzbericht, „war ereignisarm, zumindest für uns Cops.“ Ich hatte mir angewöhnt, mich im privaten Kreis als „Cop“ bzw. uns alle als „Cops“ zu bezeichnen. Das war wesentlich cooler als „Polizist“ und hatte nicht das Rotzig-verächtlich-knastige von „Bullen“. Cops sind heldenhaft, nie ist ihnen fad und sie lösen jeden Fall. Das entspricht zwar nicht der Wiener Realität, aber man muss ja auch ans Image denken. Die Bevölkerung ist ohnehin daran gewöhnt, dass in Werbung und Marketing ein wenig geflunkert wird.

Ich fuhr fort:
„Etwa um Mitternacht werden wir in ein Wochenendhaus an der Alten Donau gerufen. Ein älteres Ehepaar war von einem Tagesausflug zurück gekehrt und beim Betreten des Häuschens mit einem Szenario konfrontiert, das einem Horrorfilm glich. Das Häuschen – im Grunde nur eine Küche und ein Zimmer – war verseucht mit Kleininsekten, allen voran massenhaft Gelsen sowie Käfer, Spinnen, Fliegen und alles mögliche Getier, dessen Namen kein Mensch kennt.

Die Leute waren außer sich. Sie hatten das Häuschen vor Kurzem gekauft, die Fliegengaze demontiert, weil sie lästig war und während der Abwesenheit gedankenlos das Fenster und die Terrassentür offen gelassen. Zudem brannte ein Licht und unzählige Einweckgläser standen offen herum, weil die Dame offenbar dabei gewesen war, Obst einzukochen und alles so liegen und stehen gelassen hatte, um tags darauf weiterzumachen. Als Ergebnis waren die Wände schwarz vor unerwünschten Mitbewohnern, die älteren Leute waren einer Ausrottung oder Vertreibung nicht gewachsen und riefen in ihrer Hilflosigkeit die Polizei.

Meinem Kollegen und mir war etwas rätselhaft, wieso die Leute die Polizei gerufen hatten. Sollten wir das Ungeziefer erschießen? Oder verhaften? Das Ehepaar hatte kein Verständnis für derart ironische Anfragen und murmelte etwas von ‚Steuerzahlern‘ und ‚Vorbesitzer verklagen‘.

Wir grübelten, ob die Feuerwehr oder die Kammerjäger der Gemeinde nun zuständig sein konnten, aber noch bevor wir zu einem Entschluss gekommen waren, kam ein Nachbar her, den der Streifenwagen wohl magisch angezogen hatte. Er lachte herzlich, als er die Szene sah, eilte flugs in sein Refugium und kehrte mit Sprühdosen zurück, die man aus Supermarktregalen nicht kannte. Vielmehr war ein Totenkopf das vorherrschende Motiv. Fünf Minuten später war der Einsatz beendet und die Welt von Tausenden Kriech- und Fluginsekten befreit.“

Ich verabschiedete mich von den Zuhörern und ging Richtung Flohmarkt. Die Postkarten mit den Käfern würde ich vielleicht doch lassen. U-Boote sind auch schön.


Lothar Paul Schall

 

 

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* Polizist (mhd. kîben: schelten), stammt aus der Wiener Gaunersprache und gilt streng gesehen für nicht uniformierte Beamte, also Kriminalpolizisten.

** „Schmier“ für uniformierte Polizei.

Lothar Paul Schall

Lothar Paul Schall, Jahrgang 63, lebt als freier Grafiker und Autor in Wien, Vorarlberg und im Ruhrgebiet. Sein „Mistelbacher“ beruht auf leicht verdrehten Tatsachen, ausgeschmückten Erzählungen, aber auch frei Erfundenem. Er ist eine typische Halbwahrheit, ein Fall von „Man kann es nicht so genau wissen“, ein richtiger Wiener eben.

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