"Der Naschmarkt"

„Der Naschmarkt verkommt zur Gastromeile“, „Mehr Nasch als Markt“, „Standlerkrieg am Naschmarkt“ – würden wir den Zeitungsmeldungen Glauben schenken, müssten wir uns ernstlich Sorgen um Wiens beliebtesten Markt machen. Doch – in jeder reißerischen Meldung steckt ein Körnchen Wahrheit.

Ja, das Gastroangebot hat sich erweitert. Verdrängten die neuen Lokale bestehende Obst- und Gemüsestände?

Ja, die Lokale befinden sich auf ehemaligen Parkplätzen, die von Standlern genutzt wurden. Darauf wiederum befanden sich vor Jahrzehnten Stände, die abbrannten und nicht wieder aufgebaut wurden. Was spricht dagegen, auf beiden Seiten der Wienzeile einige reservierte Parkplätze für Standler vorzusehen und die Gäste des Marktes auf die naheliegenden öffentlichen Verkehrsanbindungen aufmerksam zu machen?

Ja, der Obst- und Gemüseverkauf bzw. die Anzahl der Stände, die diese anbieten, ist rückläufig. Die Gastronomen jedenfalls nehmen das reichhaltige Angebot des Marktes an und beziehen die Ware direkt und frisch am Markt. Ist das falsch?

Ja, Sie finden nur noch wenige österreichische Standbetreiber. Sind daran die aus anderen Staaten eingewanderten Mitbürger schuld, die Marktstände übernahmen und damit ihren Beitrag leisteten, ein reichhaltiges Produktangebot sicherzustellen?

Ja, manche Standler verkaufen Snacks zum Mitnehmen oder zum sofortigen Verzehr und gleichen damit andere Verluste aus. Sollen sie stattdessen ihren Stand verkaufen und aufgeben?

Ja, sie finden am Naschmarkt mehr als Wasabi-Nüsse und Oliven. Das Warenangebot hat sich in den letzten Jahren erweitert. Es gibt mehr Fisch (auch Bio-Fisch), Käse (auch Bio-Käse), mehr Brot und Getreide (auch in Bio-Qualität), mehr Trockenfrüchte und Nüsse, Öle und Essig. Soll das Angebot wieder reduziert werden?

Der Naschmarkt hat in seiner langen Vergangenheit die vielfältigsten Entwicklungen durchlaufen – positive wie negative, realistische wie alptraumhafte. Ich erinnere daran, dass der Naschmarkt in den 1970er Jahren einer Stadtautobahn (Verlängerung der A1 in die City) weichen sollte, vor gar nicht allzu langer Zeit mitten im Kernbereich ein „Fetzenstanderl“ nach dem anderen stand und viele Österreicher mangels Umsatz aufgaben.

Sinnvoll ist aus meiner Sicht eine Anregung vom BV Renate Kaufmann, die alle Parteien (Bezirk, Wirtschaftskammer, Marktamt und Standler) an einen Tisch bringen möchte, um die weitere Entwicklung des Marktes auszuloten und zu erörtern.

„Der Naschmarkt“ führt im September eine Umfrage unter den Standlern durch. Wir sind gespannt, welche Wünsche, welche Sorgen, aber auch welche Anregungen wir hören werden.
Dass der Naschmarkt nicht zur Lokalmeile verkommt, beweisen die vielen Standler und ihre von ihnen liebevoll präsentierten Produkte. Sie renovieren ihre Stände und suchen neue Produkte, mit denen sie ihre Kunden begeistern können. Es gibt eigene Naschmarkt-Produkte und es werden immer mehr. „Der Naschmarkt – Wiens Gesundheitsmeile“, eine Initiative des Vereins Mea Sanitas unter Leitung der Ernährungsberaterin Michaela Haunold, organisiert Beratungen und Workshops. Standler holen sich Tipps, die sie ihren Kunden weitergeben, und Lieferanten des Marktes stehen den Konsumenten für Fragen zur Verfügung.
Die Vielfalt – der Produkte, der Angebote, vor allem der Menschen – macht den Naschmarkt zu dem, was er war und was er nach wie vor ist: die große kulinarische Welt, abgeschliffen durch unsere Wiener Eigenarten, auf engstem Raum. Die Welt ändert sich, der Naschmarkt ändert sich. In welche Richtung, liegt an uns, die wir den Naschmarkt lieben.

Anmerkung: Im offiziellen Führer über den Neuen Naschmarkt, Wien, November 1916, fand der Kunde folgendes Angebot: Blumen, Butter und Eier, Fleisch, Fische, Geflügel, Grünwaren und Obst im Großen, Grünwaren und Obst im Kleinen, Margarine, Mehl und Hülsenfrüchte, Mehl und Brot, Milch, Sauerkraut, Selchwaren, Südfrüchte, Verschiedenes, Wildbret, Heiße Würstel (bei neun verschiedenen Ständen). Interessanterweise stellte damals der Architekt fest, dass es eine Eigenart des bodenständigen Wieners sei, sich von Altgewohntem nur ungern zu trennen.

Ich wünsche Ihnen allen einen wunderschönen Sommer. Genießen Sie die sonnigen Sommertage wie unser Kiebara am Naschmarkt, der sich schon auf Dienstreise (sprich Urlaub) befindet.
Angelika Herburger
Herausgeberin

ARCHIV

>>> Der Naschmarkt – Wiens Gesundheitsmeile

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

     
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