Religion – Hilfe oder Hemmschuh?

Religion im Allgemeinen und der Islam im Besonderen gelten als Integrationshemmnis.

Brigitte Fuchs, Professorin an der Universität Würzburg, ist jedoch überzeugt, dass Religion im Zusammenleben vor Ort auch friedensstiftend sein kann.

Eine Studie hat ergeben, dass muslimische Jugendliche glauben, dass ihnen ihre Religion bei der Integration in ein Einwanderungsland hilft. „Wird aber ein Assimilierungsdruck auf sie ausgeübt, wird Religion plötzlich zum Hemmschuh“, sagt die Universitätsprofessorin Brigitte Fuchs. „Denn dann ziehen sich die Jugendlichen in ihre eigene religiöse Gruppe zurück, um sich der Anfeindungen erwehren zu können.“

Die Dozentin an der Universität Würzburg referierte im Juni 2008 im Rahmen der Vortragsreihe „Integration mit aufrechtem Gang“ des Europäischen Instituts für interkulturelle und interreligiöse Forschung über die Rolle der Religion im Integrationsprozess. Dabei stellte sie den Islam in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen, da er im Fokus der öffentlichen Diskussionen stehe.

Das Verständnis von Religion

Ein Fallbeispiel: In einer Grundschule, welche das Ziel verfolgt, Kinder mit Migrationshintergrund zu integrieren, übt eine Lehrerin mit ihrer Klasse das christliche Weihnachtslied „Tochter Zion“ ein.

Der kleine Sami ist ganz begeistert und singt das Lied auch seinen Eltern vor. Die Konsequenz: Sein Vater, ein libanesischer Muslim, verbietet ihm, dieses Weihnachtslied je wieder zu singen und überlegt sogar, seinen Sohn von der Schule zu nehmen. Für ihn bildet das Lied einen existentiellen Affront gegen seine Religion, während sich die Lehrerin der politischen Dimension nicht bewusst war.

„Das Problem bei diesem Konflikt ist das unterschiedliche Verständnis von Religion“, sagt Brigitte Fuchs. In der westlichen Welt, der funktional differenzierten Gesellschaft, werde der Begriff Religion klar von allen anderen Lebensbereichen abgegrenzt. In anderen Kulturkreisen gebe es diese Trennung nicht.

„Für viele Migranten bietet Religion so etwas wie eine tragbare Heimat in der Fremde. Sie kann ein erstes Auffangbecken in einem neuen Land sein, von wo aus dann neue Kontakte geknüpft werden und die Integration beginnt.“ 

Sich seiner Identität sicher sein

Die deutsche Integrationspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat sich laut Brigitte Fuchs in erster Linie auf Assimilationsmaßnahmen konzentriert – also die Anpassung der Migranten an den Lebensstil des Einwandererlandes. Der Faktor Religion wurde vernachlässigt. Die sozialarbeiterischen Maßnahmen wurden bereits bei den Kindern im Vorschulalter angewandt, zogen sich weiter über die Schulzeit, die Jugendzentren und die Begegnungsstätten.

„Ende der 80er-Jahre kam dann die Ernüchterung“, so Fuchs. „Die türkische Minderheit war weit davon entfernt, in der Mehrheit aufzugehen. Im Gegenteil. Sie begannen, sich vermehrt auf ihre eigene Identität zurückzubesinnen und entwickelten eine Parallelgesellschaft.“

Woran lag es, dass die Integrationsmaßnahmen scheiterten? „Je mehr Druck auf die Migranten ausgeübt wird, desto mehr besinnen sie sich auf ihre eigene Religion und Kultur zurück“, lautet die Antwort von Brigitte Fuchs. Die Beziehung zwischen den Migranten und der Bevölkerung des Einwandererlandes beeinflusse sich direkt.

„Werden zum Beispiel die Ausländer zu den Sündenböcken für die steigende Arbeitslosigkeit gemacht, weil sie die Arbeitsplätze wegnähmen, grenzen sich diese ihrerseits immer stärker ab. Sie suchen Zuflucht im Islam, der ihnen Sicherheit und Geborgenheit vermittelt.“ Je mehr sie angefeindet würden, desto mehr würden sie zusätzlich ihre Zugehörigkeit in äußerlichen Merkmalen wie Kopftüchern manifestieren. Dadurch werde aber wiederum bei den Einheimischen die Angst vor dem Fremden geschürt und damit auch der Ausländerhass.

„Diese Spirale kann sich gegenseitig hochschaukeln und den Konflikt immer weiter verschärfen – bis hin zur Bildung rechtsradikaler Tendenzen und fundamentalistischer Abspaltungen.“

Vorurteile abbauen

Bei der Förderung von Integrationsmaßnahmen liegt es Brigitte Fuchs deshalb besonders am Herzen, die friedfertige Seite der Religion zu fördern. Dazu gelte es, sich in einem ersten Schritt seiner eigenen Identität bewusst zu werden. „Nur wenn ich mir meiner eigenen Religion nicht sicher bin, wirkt eine fremde bedrohlich“, sagt Fuchs. „Oder anders ausgedrückt: Je besser ich in mir beheimatet bin, desto friedlicher kann eine Begegnung ablaufen.“

Als elementaren Punkt betont die Integrationsexpertin die Korrektur von Vorurteilen – der Typisierung von Menschen. „Wenn wir uns Wissen über andere aneignen, sollte das immer auch durch die Vermittlung von diesen anderen geschehen“, sagt Brigitte Fuchs. „Nur so ist das Objekt vor mir plötzlich nicht mehr nur ein Muslim, sondern ein Mensch mit Namen. Wir müssen die Migranten Menschen sein lassen. Das ist der Schlüssel zu einem friedlichen Miteinander.“

                                           

Niki Eder


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