Geschichte und Geschichten

Foto: FCMDer echte Wiener

Der typische, der echte Wiener ist eine reine Konstruktion. Am ehesten kommt er noch in der Literatur oder im Theater vor.

Bekannte Prototypen sind

Der Liebe Augustin
Symbolfigur für die Wiener Art der Problembewältigung. Er zog um 1680 als Dudelsackpfeifer durch die Wiener Wirtshäuser und überlebte nach reichlichem Alkoholkonsum eine Nacht in der Pestgrube. Er ist durch das überall bekannte Lied verewigt: „Oh du lieber Augustin, alles ist hin!“

Der Herr Karl
Eine von Carl Merz und Helmut Qualtinger beschriebene Figur des Wieners, der den Anschluss an die jeweilige Zeit durch Anpassung an die jeweilige Gesinnung locker schafft: „Bis Vieradreißg war i Sozialist. Das war aa ka Beruf. Hat ma aa net davon leben können … Später bin i demonstrieren gangen für die Schwarzen … für die Heimwehr … net? Hab i fünf Schilling kriagt … Dann bin i umme zum… zu de Nazi … da hab i aa fünf Schilling kriagt … na ja, Österreich war immer unpolitisch … i man, mir san ja kane politischen Menschen … aber a bissel a Geld is z’sammkummen, net?“

Der Travnicek
Ebenfalls von Helmut Qualtinger kreiert. Eine Figur, die sich nur in Wien wohlfühlt, wie man am Beispiel sieht: Travnicek (an Deck eines Schiffes im Mittelmeer): „Für das Geld, was i da ausgib, haltens mi am Wörthersee für an Ausländer … und an guatn Wein gibt’s net. Nur so an Sauerampfer und an Slibowitz, an scharfen …“
Freund: „Jetzt steigt die Küste aus dem Wasser, Travnicek.“ Travnicek: „Na was brauch i des? Gibt’s da an Strandcafé? – Na. Und was für Leut? – Tschuschn. Wann mi des Reisebüro net vermittelt hätt!“

Der Mundl
Hauptfigur einer oft wiederholten TV-Serie „Ein echter Wiener geht nicht unter“ aus den frühen achtziger Jahren [Entstanden ist die Serie in der ersten Bacher-Ära beziehungsweise in der Übergangszeit zu Intendant Oberhammer zwischen 1975–1977], meisterhaft von Karl Merkatz gespielt. Der Mundl ist der Paradetyp eines proletarischen Berserkers, der jeden anderen eine „Goschn anhängt“. Harmloseste Beschimpfung: „Seavas du Nudlaug!“

Andere Wiener sind – oder waren – hingegen Wirklichkeit

Hans Moser
Weltberühmt wurde sein Kofferträger-Sketch: Nachdem er sich fünf Minuten über die Größe des zu tragenden Koffers aufregt, richtet er an den ratlos auf dem Bahnhof stehenden Piefke die klassische Frage: „Wie nehmamandenn? Mit dem krawotischn Untergriff?“ Darauf der Piefke verzweifelt: „Ach Mensch, ich vasteh sie doch nicht!“ Darauf Moser, immer grantiger: „A Jammer, wenn aner ka Deitsch vasteht. (Bemüht auf Hochdeutsch) Also wia nemmen mia ihn denn?“ – Sollten Sie an dieser Stelle immer noch nichts verstehen, ergeht es Ihnen wie dem hilflosen Piefke am Bahnhof. Jeder Wiener zerkugelt sich hier bereits vor Lachen.

Der Baronkarl
Eine legendäre Figur, die auf dem Laaer Berg von Wirtshaus zu Wirtshaus ihren Beschäftigungen nachging: Geige spielen, Geschichten erzählen und Bier trinken. Er wurde 1954 von einem Auto überfahren. Die Bewohner sammelten für eine „schöne Leich“, und der Baronkarl wurde am Zentralfriedhof mit höchstem Pomp zu Grabe getragen. Der Wiener Autor Peter Henisch sammelte und veröffentlichte mehrere Geschichten über den Baronkarl.

Der Rathausmann
Ritterfigur auf der Spitze des Rathauses. Er soll Wien von dort bewachen und die Wiener vor dem beschützen, was unter ihm beschlossen wird.

Beppo Beyerl

Wien – Die Donaumetropole auch abseits von Burg, Dom und Prater neu entdecken
Reise Know-How Verlag, 288 Seiten, 12,80

>>> Alt-Wiener Ausdrücke
Sammlung Andreas Weber

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Maria Welser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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