Geschichte und Geschichten

Schwartln – eine kleine Wienkunde
Nicht weit vom Naschmarkt – nach einem Spaziergang von zehn Minuten, an den alten Hofstallungen, dem heutigen Museumsquartier vorbei – liegt der Spittelberg.

Diese kleine Vorstadt außerhalb der Stadtmauern des alten Wien, wurde während der Türkenbelagerung 1683 arg in Mitleidenschaft gezogen.

Sie war aber auch immer schon das „verruchte“, das Rotlichtviertel, das mit vielen kleinen Wirtshäusern und engen, dunklen Gassen die Freier aus ganz Wien anzog.

In diesen Wirtshäusern warteten die Hübschlerinnen*, die sich aus allen Teilen der Monarchie rekrutierten und die für die Leutgebin** für gute Umsätze sorgten, indem sie die Freier zu reichlichem Essen und Trinken animierten.

Eine der bekanntesten Leutgebinnen und Kupplerinnen war die Rote Waberl, die ihr Etablissement im heutigen Restaurant „Witwe Bolte“ in der Gutenbergg. 13 führte.

Hier soll sich 1778 Kaiser Josef II. inkognito eingeschlichen haben, um sich selbst von der Sittenlosigkeit am Spittelberg zu überzeugen. Seine wahre Identität wurde aber entdeckt und so wurde der Kaiser mit seiner Begleitung unter lautem Gejohle aus dem Wirtshaus geworfen. Von dieser Anekdote zeugt auch heute noch eine Inschrift über einem Bogen im Lokal: „Durch dieses Tor im Bogen ist Kaiser Franz II. geflogen“. Kaiserin Maria Theresia, die Mutter Kaiser Josefs II., hatte schon früher versucht, durch eine so genannte „Sittenkommission“ die ausufernde Prostitution in Wien in den Griff zu bekommen, was ihr allerdings am Spittelberg, aber auch auf der Glacis im Bereich des heutigen Wieden, nie so richtig gelang.

Natürlich lagen die hygienischen Zustände im 16. und 17. Jahrhundert im Argen, von Verhütung und „Safer Sex“ ganz zu schweigen. So dachte man damals, sich vor der Syphilis, der „Französischen Krankheit“, schützen zu können, indem sich die Freier ihr bestes Stück mit einer Schweineschwarte einrieben.

Daher kommt der alte Wiener Ausdruck „Schwartln“, der lange Zeit im Wienerischen auch als Synonym für Onanieren galt.

Heute ist der Spittelberg eine angenehme Wohngegend mit schön restaurierten Häusern, die zum Teil schon im 16. Jahrhundert erbaut wurden. Auf den großen unverbauten Flächen, den Glacis vor der Wiener Stadtmauer, die erst vor 150 Jahren zwecks Errichtung der Ringstraße abgetragen wurde, befindet sich heute im Bereich Wieden das Freihausviertel mit vielen interessanten Geschäften.

Aber das Freihausviertel ist wieder eine andere Geschichte. Bis zum nächsten Mal.

Rudolf Berner

* Prostituierte
** Wirtin („die den Leuten gibt“)

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Sammlung Andreas Weber

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Maria Welser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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