Geschichte und Geschichten

Wienfluss am Karlsplatz, 1822. Stich von J. F. WizzoniSchiff ahoi bei der Stubenbrücke

Vor etwa 150 Jahren gab es zwei Ingenieure, die beiden Herren Atzinger und Grave, und die hatten eine überraschende Idee: Sie wollten den Wienfluss schiffbar machen.

Es blieb dabei nicht nur bei der Idee, sie rechneten ihr Projekt durch und veröffentlichten es 1874 bei Alfred Hölder, Beck’sche Universitätsbuchhandlung Wien. Die technische Lösung des Problems bestand in der Anlage von sechs Wasserreservoirs. Die so gesammelten Wassermassen müssten ausreichen, so die Ingenieure, um eine Wassertiefe zu erreichen, die wiederum die Schifffahrt ermöglicht hätte.

Das Ingenieur-Paar bezeichnete den kleinen mickrigen Wienfluss als „Wien-Schifffahrts-Canal“ und errechnete seine neue Kanalbreite auf den Millimeter genau: 28,448 Meter. Bei der Kanaltiefe legten sie sich nicht auf Millimeter fest: 1,9 Meter. Zum Einsatz kommen sollten Schrau-bendampfer, 24 Meter lang und 4 Meter breit. Offenbar waren zur damaligen Zeit die Maße nicht gesichert, so gaben die Ingenieure die Daten ebenso in „Fuß“ an. Wen es interessiert: Schiffslänge 76 Fuß, Breite 12 Fuß.

Interessant ist die Sichtung der Haltestellen, der Schiffsanlagestellen. Als Endhafen projektierten sie Purkersdorf, er war bestimmt zum Verladen von Brennholz und Steinen. Nächste Station Hadersdorf, schon damals wurde der Name Auhof verwendet. Dann Hütteldorf bei der Bahnstation. Dann Ober-Sankt-Veit. Dann Hiet-zing. In Meidling waren gleich zwei Stationen vorgesehen, bei der Lobkowitzbrücke und beim damaligen Gasometer, also im Bereich der heutigen Längenfeldgasse. Dann Margareten. Dann Elisabethbrücke, also beim heutigen Karlsplatz. Endstation bei der Stubenbrücke, um eine Verbindung zum „Hauptmauthbahnhof“, später Hauptzollamt, heute Wien-Landstraße herzustellen.

Wie man sieht, war die Schifffahrt im Wienfluss eher nicht zum Transport von Personen, sondern von Baumaterialien ausgerichtet. Interessanterweise lehnte das Ingenieur-Paar eine Verbindung zum „Donau-Canale“ ab.

Für heutige Zeitgenossen klingen diese Ideen – Flüsse in der Stadt wieder erlebbar zu machen, das Flussbett als urbanen Raum zurück zu gewinnen – sehr modern. Aber nicht für die damalige Zeit.

Oberbaurat Otto Wagner erstellte den Regulie-rungsplan für den Wienfluss, ließ ab 1895 Ufermauern errichten, die ein Gewölbe tragen können, vertiefte die Flusssohle und ließ schlussendlich den Fluss überwölben.

1902 war das gesamte Projekt mehr oder weniger vollendet. Auf einem großen Teil dieser Überwölbung wurde im Kriegsjahr 1916 sodann der neue Naschmarkt aufgebaut. Und damit war das Projekt „Schiff ahoi bei der Stubenbrücke“ für immer tot.

Beppo Beyerl

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Maria Welser

Maria Welser

 

 

 

 

 

 

 

 

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