Geschichte und Geschichten

Rohrpost in Wien 1875–1956

Die „Verordnungen für die österreichischen Telegraphen-Aemter“ meldeten in ihrer Nr. 3 vom 19. 3. 1875 die „Inbetriebsetzung des pneumatischen Röhrennetzes und Einführung pneumatischer Briefe in Wien mit 1. März dieses Jahres“. Hinter dieser amtlichen Mitteilung steckte der Plan, „mittels einem Rohr einen geschwindten Briefwechsel welcher unabhängig ist vom Straßenverkehr herzustellen“.

Rohrpost in New York

Man machte sich ein sehr einfaches mechanisches Prinzip zunutze: Eine in einem Rohr befindliche verschlossene Büchse gerät dann in Bewegung, wenn hinter ihr ein Überdruck oder vor ihr ein Vakuum erzeugt wird. Die Büchse durchläuft die Rohrleitungen, bis man sie bei einer Zwischen- oder Endstation auffängt und das darin enthaltene Transportgut entnimmt. In den Zentralen stellt man Pumpen zum Verdichten und Verdünnen der Luft auf. Rohrleitungen führen von dort zu den einzelnen Stationen, die als reine Empfangsstationen oder bei entsprechenden technischen Einrichtungen auch als Sendestationen arbeiten.

Die Hauptzentrale der Rohrpost befand sich in der Telegraphenzentralstation am Börseplatz. Eine weitere Zentrale befand sich in unmittelbarer Nähe des Naschmarkts in Gumpendorf, in der Magdalenenstraße 76. Das Rohrpostnetz umfasste 1875 eine Länge von etwa 14 km. Die aus Präzisionsstahl gefertigten nahtlosen Rohre waren 1 m unter den Straßen Wiens verlegt und hatten einen Außendurchmesser von 74 mm.

Für den Transport eines „pneumatischen Briefes“ hatte man eine Gebühr von 20 Kreuzern zu entrichten. Im Jahre 1879 wurden eigene Rohrpostkarten zu 10 Kreuzern aufgelegt. 1913 gab es in Wien nicht weniger als 53 Rohrpoststellen, die untereinander mit einem Rohrnetz von über 82 km Länge verbunden waren.

Während die Wiener Rohrpost den Ersten Weltkrieg heil überstanden hatte, waren nach dem Zweiten Weltkrieg nur mehr drei Strecken, das waren 7 % des gesamten Streckennetzes, benutzbar. Durch den Ausbau des Telefon- und Fernschreib-netzes verlor die Rohrpost zunehmend an Terrain, und es drängte sich die Frage auf, ob es sinnvoll sei, ihr im Dienstleistungsprogramm der Post weiter einen festen Platz einzuräumen. Es kam, wie es kommen musste: die Post gab dem Ausbau der Fernmeldedienste den Vorrang und beschloss, die Rohrpost stillzulegen.

Am 2. 4. 1956 um 13.25 Uhr fuhr der letzte Rohrpostzug vom Postamt 129 im 20. Bezirk, Webergasse 14 in Richtung Telegraphenzentralstation Börseplatz ab. Als er dort drei Minuten später eintraf, fand er, zum ersten und gleichzeitig zum letzten Mal, einen „großen Bahnhof“ mit reisiggeschmückten Apparaten, rot-weiß-roten Fähnchen und Ehrengästen vor. Zum unwiderruflichen Abschied passende Erinnerungs-, Dank- und Kondolenzschreiben wurden den Büchsen entnommen und zum letzten Mal zugestellt.

Ing. Gerhard Fürnweger

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Maria Welser

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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