Geschichte und Geschichten

Pieter Bruegel d.Ä, 1557. Die sieben Todsünden - Geiz

 

Die Weihnachtszeit ist auch eine Zeit des Innehaltens und Besinnens. Die Denkanstöße von Prof. Dr. Hubert Christian Ehalt, die in den nächsten drei Ausgaben des Naschmarkt-Magazins zu lesen sind, laden dazu ein, sich ein wenig Gedanken über das menschliche Handeln zu machen. „Von selbst“, so konstatiert der aus Wien stammende Historiker Eric Hobsbawm, „wird die Welt nicht besser“.

 

Die sieben Todsünden
Zur Geschichte des Normenwandels

Das menschliche Handeln wird durch Normen und Werte reguliert, durch Gebote, die sagen, was man tun soll und was man nicht tun darf. Menschen handeln aber auch wertorientiert. Sie bemühen sich um Wahrheit, Ehrlichkeit und Solidarität bisweilen auch ohne Disziplin und Kontrolle, ohne Aussicht auf materielle oder symbolische Belohnung. Die Menschen sind nicht durch ein egoistisches Gen vorprogrammiert. Die Regeln waren und sind von Menschen gemacht, sie sind gestaltbar.

In den traditionellen vormodernen Gesellschaften waren die Handlungsspielräume der Individuen klein. In der Neuzeit wuchsen Chancen und Möglichkeiten, ein Leben eigenständig zu gestalten. Die gegenwärtigen Gesellschaften stärken ein neues Normenkorsett aus Regeln, die fast ausschließlich durch eine ständig verschärfte Konkurrenz auf einen Markt gestaltet werden, auf dem es ausschließlich um Profit geht.
Auf der Suche nach den oft lange gültigen und wirksamen Regelsystemen stößt man in Europa, aber auch anderswo fast zwangsläufig auf die sieben Todsünden – Hoffart (Eitelkeit, Hochmut, Egomanie), Geiz, Neid, Unkeuschheit, Unmäßigkeit, Zorn und Trägheit –, in denen die traditionellen Normen und Werte kodifiziert sind. … Die Geschichte der Todsünden zeigt die Geschichte des Normenwandels. Wir erkennen, dass wir Menschen nicht nur Marionetten historischer Strukturen und schon gar nicht Marionetten der Evolution sind. Wir können die Normen, die Vorstellungen, wie wir leben und handeln sollen, gestalten.

Geiz
Fast durchwegs galt in der Geschichte der Grundsatz, dass die Ressourcen knapp sind, in seiner ganzen Schärfe. In den Gesellschaften des Mittelalters und der Frühen Neuzeit ging es für den Großteil der Menschen ständig ums Überleben. Missernten riefen Hungersnöte hervor und reduzierten Lebenserwartung und Lebenschancen. Die sozialen Unterschiede konzentrierten sich damals in Europa wie heute in den Schwellenländern und in der Vierten Welt auf die für das Überleben notwendigen existentiellen Grundlagen.
Der prunkvoll zur Schau getragene Reichtum der Fürsten von einst und der Oligarchen von heute bringt deutlich zum Ausdruck, dass er nicht gewillt ist, sich teilen zu lassen. Im Geiz dokumentiert sich die Unfähigkeit, Ressourcen gerecht zu verteilen.

Der reiche Prasser gab die Reste seiner reichen Tafel seinen Hunden und schloss den armen Lazarus aus. Heute gibt es in den reichen Ländern einen Überfluss an Nahrungsmitteln, während fast eine Milliarde Menschen weltweit an Hunger leiden. Jedes Jahr sterben 8,8 Millionen an Hunger, alle 3 Sekunden einer.

Doch die einzelnen Menschen sind in den reichen Ländern auch so großzügig wie nie. Sie spenden, sie engagieren sich in Sozialprojekten, und ich beobachte, dass in Supermärkten den Kassiererinnen und Kassieren ein Trinkgeld gegeben wird. Geiz ist geil, aber die Menschen sind freigiebig. Es gibt also ein Potential an Verteilungsgerechtigkeit.

Neid
Neid hat in den Kulturen, in denen Ressourcen, Chancen, Möglichkeiten und Rechte zwar nicht gerecht, aber nach lange tradierten Regeln verteilt waren, kaum eine Chance gespielt.

Bauern, Bürger und Edelleute, Männer und Frauen, wussten genau, was ihnen nach den Traditionen zustand. Der Neid hielt sich in engen Grenzen.

Die Öffnung der Gesellschaften, die Zerstörung der ständischen Hierarchie, die Neuordnung von Geschlechter- und Generationenordnungen haben für den einzelnen Mann und die einzelne Frau viele neue Chancen eröffnet. Dadurch verschärfte sich auch besonders dynamisch die Konkurrenz zwischen den Individuen. Jeder beneidet jeden, immer und überall, auch wenn es eigentlich um nichts geht.

Jeder ist seines Glückes Schmied, ist die allgegenwärtige Suggestion. Wenn man die auf dem Weg liegenden Karrierechancen nicht wahrnimmt, ist man offenbar nur selber schuld. Es bleibt nur der Neid. Für die Utopie eines guten Lebens ist daher kaum Platz.

Lesen Sie in der Faschingsausgabe über Hoffart und Unkeuschheit und in der Osterausgabe über Zorn, Trägheit und Maßlosigkeit.

Hubert Christian Ehalt

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