NaschmarktblickeMenschen rund um den Naschmarkt

Die Lotte und ihre alten Radios

Durch einen Zufall lernte ich bei ihrer Geburtstagsfeier Charlotte Kratochvil, die im Grätzl (nahe dem Naschmarkt) als „Lotte” bekannt ist, kennen.Sie feierte in ihrem Stammbeisl den 84. Geburtstag. Außer der guten Gesundheit von Lotte gibt es noch einen weiteren Grund von dieser außergewöhnlichen Dame zu berichten.

Foto: FCMSie wuchs in Wien mit drei Schwestern und zwei Brüdern auf, ihre Mutter war Weißnäherin, ihr Vater Kapellmeister, der zu Stummfilmen in diversen Kinos Musik spielte. − Dann kam der Tonfilm und ihr Vater eröffnete ein Geschäft für Akkumulatoren und reparierte auch Radioapparate in der Matrosengasse in Wien. Lotte war eine der ersten Radiomechanikerinnen in Österreich − für seinerzeitige Verhältnisse eine Seltenheit. Sie erlernte diesen Beruf, nach einem „Pflichtjahr” im Krieg (bei einem Bauern in Pillichsdorf nahe Wolkersdorf), bei der Firma Reschenhofer (Lehrling von 1942–1945), einer Radiowerkstätte in der Neubaugasse 71 (im 7. Wiener Bezirk), besuchte die Berufsschule in der Mollardgasse, wechselte dann zu Tungsram, wo sie zwölf Jahre als Röhrenprüferin tätig war. Lotte absolvierte im Jahr 1947 ihre Gesellenprüfung, wobei sie, wie sie sich erinnert, bei einem Radio einen extra eingebauten Fehler finden musste. Ihr weiterer Berufsweg führte sie zu Siemens, zu Elektrohansa und letztlich zu Kapsch, wo sie zehn Jahre in der Qualitätskontrolle tätig war. 1980 ging sie in den wohlverdienten Ruhestand.

Ich durfte nach einem gemeinsamen Mittagessen in ihrem Stammbeisl einige „Oldtimer-Radios” in ihrer Wohnung in der Schönbrunnerstraße besichtigen und alte Fotos aus ihrem Berufsleben betrachten.

Lotte hat einen Sohn, ein Enkelkind und ist seit 1980 Witwe. Trotz Ihres Alters kocht sie einmal in der Woche für ihre (jüngere) Schwester, die noch berufstätig ist.

Alle 14 Tage trifft sie ehemalige Kollegen und „Radiobastler” in einem Lokal im 3. Bezirk. Dort wird gegessen, getrunken, getratscht und fachgesimpelt. Auch werden immer wieder Schaltschemen, Röhren und andere Bestandteile ausgetauscht − so- wie das Wissen, wo noch Bestandteile erhältlich sind.

Zweimal jährlich findet in Breitenfurt ein „Radioflohmarkt” statt, wo Lotte selbstverständlich vertreten ist, auch am Flohmarkt (beim Naschmarkt) wird sie manchmal gesehen.

Öfters ist sie mit ihrem Auto (ein 21 Jahre alter Renault) unterwegs − ihren Führerschein machte sie im Jahre 1956. Eine lebenslustige Dame, der man gerne zuhört. −

Ich bin dankbar, einige Stunden mit ihr verbracht zu haben. Liebe Charlotte Kratochvil − es warten noch viele alte Radios auf Dich, bleib uns noch lange erhalten!

In Memoriam Jänner 2009
Vor ca. einem Jahr habe ich in der Naschmarkt zeitung in der Reihe „Menschen rund um den Naschmarkt“ einen Bericht über die erste Radiomechanikerin Österreichs geschrieben.
Lotte Kratochvil, besagte Radiomechanikerin, starb vor wenigen Tagen im 86. Lebensjahr.
Liebe Lotte, wir werden Dich und Deine alten Radios in lieber Erinnerung behalten.
Du wirst uns fehlen. 

Ehemalige österreichische Radioproduzenten

INGELEN
Gegründet 1907 von Ing. Ludwig Neumann, Produktion während des 2. Weltkrieges in NÖ und Tirol. Die Wiener Fabrik wurde durch Bombentreffer schwer beschädigt. 1956 wird INGELEN einer der bedeutendsten Portablehersteller in Österreich (bekanntestes und wertvollstes Radio, der „Ingelen Geographic”). 1966 wird INGELEN vom ITT-Konzern übernommen, in der Bergsteiggasse in Wien 17 wird bis 1977 produziert.

EUMIG
Gründung 1919, Bau von Radios, Filmkameras und -pro jektoren, Tonbandgeräten und Kassettendecks. 1955 brachte EUMIG sein erfolgreichstes Radiogerät die „EUMIGETTE” auf den Markt. Insgesamt wurden davon etwa 500 000 Stück erzeugt. 1961 hatte Eumig 3000 Beschäftigte, 1962 wurde die Radioproduktion aufgegeben und an HEA verkauft. Insgesamt hat EUMIG 3 Millionen Radios erzeugt. Die Produktionsstätten waren in Wiener Neudorf (NÖ) und Fürstenfeld (Stmk). 1982 Konkurs des einstigen Vorzeigebetriebes.

HORNYPHON
Gegründet 1919 durch Friedrich HORNY (Radiohaus Horny, Wien 1). 1939 wurde HORNY durch Überschuldung von PHILIPS übernommen und produzierte als RADIOWERK HORNY AG weiter. Das Radiowerk wurde im Krieg schwer beschädigt. 1945 starb Friedrich HORNY, ab 1947 wurden viele Geräte auch für PHILIPS und ZERDIK hergestellt. 1955/56 eröffnete HORNY ein neues Radiowerk am Rennweg in Wien.

RADIONE
1924 gründeten die Brüder Nikolaus und Theodor von Eltz die Firma RADIONE in Wien 3. Bis 1970 wurden Radios und TV-Geräte erzeugt, 1977 wurde das zu diesem Zeitpunkt marode Unternehmen verkauft.

KAPSCH
Die KAPSCH-Gruppe entstand aus der 1892 von Johann KAPSCH in Wien gegründeten Feinmechanikerwerkstätte. Zur Produktionspalette gehörten auch Morseapparate und Telefone. 1916 wurde das Unternehmen in eine AG umgewandelt. Später wurden andere Erzeugnisse wie Kondensatoren und Batterien erzeugt. 1921 stieg KAPSCH in die Produktion von Radioapparaten ein, 1930 erfolgte durch KAPSCH die Automatisierung des österreichischen Telefonnetzes. 1955 gab es erste KAPSCH-Fernsehgeräte, Mitte der 1970er Jahre wurde die Radioproduktion eingestellt.

MINERVA
1919 Gründung der W. WOHLEBER GesmbH in Wien. 1924 Beginn der Radioproduktion unter dem Namen RADIOLA, seit 1925 wurde auch der Markenname AERIOLA verwendet. 1929 kam der endgültige Name MINERVA, 1945, knapp vor Kriegsende wurde ein Teil der Betriebsstätten durch Bomben zerstört. 1946 wird die Produktion wieder aufgenommen, 1950 starb der Firmengründer, 1968 verkaufte die Witwe Elisabeth Wohleber die Firma an Max Grundig. Seit 1972 wird der Name Minerva nicht mehr verwendet.

Quellen: Museumsbote und Wikipedia

FCM

Christian Maschner

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